Indiana Jones und die rosa Fotobox

IMG_2320Seit nun etwas mehr als einem Jahr sammle ich Platten. Diese großen, runden, schwarzen, glänzenden und geriffelten Scheiben, die so schwer in der Hand liegen, dass man am liebsten in Olympionik-Manier zu einem Weitwurf ansetzen möchte. Also ich nicht, ich mag Sport nicht.

Die Vorteile des Vinyl-Sammelns sind offensichtlich und auf praktischer, dekorativer und kreativer Ebene angeordnet. Natürlich sammele ich Platten, weil Platten einfach besser aussehen. Auch wenn der Anblick eingerahmter Platten in mir immer einen leichten Schmerz hervorruft. Musik, die dazu verdammt ist ihre restliche Existenz hinter einer stummen Glasscheibe zu verbringen, macht es doch mehr her, eine Schallplatte einzurahmen als eine gammelige CD, oder gar eine Kassette. Warten wir mal 10 Jahre, dann werden Lichterketten aus MCs gebaut und Blu-Rays in wunderschöner Retro-Optik als Untersetzer benutzt. Kleiner Gedankensprung an dieser Stelle: Sollte ich mir vielleicht das “The Chainsmokers” Album auf Vinyl holen, gerade um es hinter einer Glasscheibe zu verbannen? So symbolisch? Lieber nicht, nachher ist meine Mutter noch sauer, dass ich die Kettenraucher beim Verkauf ihrer Menthol-Musik unterstüzte.

Würde ich mir jedoch eine Helene Fischer Platte kaufen wollen, wo könnte ich das noch? Das Plattengeschäft hat sich zwar wieder auf den Mainstream ausgeweitet, man findet aber teilweise ein besseres Angebot bei Warenhäusern als in kleinen Plattenschuppen. Die Szenen, die dort aufeinandertreffen könnten trotzdem unterschiedlicher kaum sein. Und ich zähle mich zu keiner dieser Szenen, was es noch schwieriger macht.

Da wären die Musik-Experten, die konkurrenzlosen Könige des Musik-Geschmacks, Louis XIV mit Vinyl-Zepter, langen ergrauenden Haaren, leichtem Bauchsansatz und T-Shirt. Dieser Spezies in hiesigen Plattenläden zu begegnen kann beinahe schon zu Hunger-Games-mäßigen Erlebnissen führen. Lasst es mich an einem Beispiel erklären.

 

Friedrich spazierte sorglos und ohne Ziel durch die sonnendurchfluteten Straßen Hamburgs, als ihm plötzlich in seinem Augenwinkel das orangene Neon-Schild seines häufig besuchten, und selten ohne Platte verlassenen, Vinyl-Shops auffiel. Ein kurzer beschämter Blick aufs Handy, welcher der Umwelt verdeutlichen soll `Ja, ich bin bewusst stehen geblieben, es gibt einen Grund, vielleicht schreibt mir grad jemand, oh, ich muss wohl unerwartet umdrehen´. Das Handy verschwindet wieder in der Tasche und Friedrich im Laden. Ein zielloses `Moin` findet seinen Weg von der Kasse in sein Ohr nicht und verhallt folgenlos in den staubigen Restbeständen des Record Store Days. Jetzt bloß nichts falsch machen. Kunden, die zu lang die Neuerscheinungen anschauen, nicht umgehend die `gute´ Musik einmal in der Hand wenden, als würde sich der Inhalt wie eine Speisekarte lesen, werden kritisch beäugt. Während der Verkäufer eine neue CD einwirft, welche jedem zeigen soll wie ´sophisticated´ er ist, wird ein schneller Blick auf die Lieblingsbands geworfen, die zu sehr im Mainstream angekommen sind, als dass Louis sie noch ernstnehmen könnte.`Gute Musik ist nur die, die nur ich kenne.´, könnte der Wahlspruch dieser Verkäufer lauten, aber seit wann brauchen Monarchen wieder demokratische Wahlen, um ihre Herrschaft zu begründen. Wenn die Verfassung die eigenen Playlist ist, dann Hurra! Alle Plattenladenbesitzer sind depressiv. Selbst als Friedrich die neue limitierte Edition der Band The XX in der Hand hält und gesenkten Hauptes den Laden verlässt, plagt ihn doch die Frage. ” Warum?”. Und der Gedanke an Harry Styles.

 

Einspieler vorbei, vorerst. Nicht witzig, ich weiß. Aber so ist es nun mal in so einem Laden. Nicht sehr witzig. Es wirkt alles so, als müssten die Kunden ein großes Schauspiel aufrechterhalten, was keiner so Recht ansprechen aber auch keiner wirklich durchbrechen möchte. Wenn jemand dann noch im Gespräch mit dem Verkäufer viermal betonen muss, dass er ja nie und nimmer CDs kaufe, sich ganz und gar der Vinyl verschrieben habe und ja aus Prinzip keine CDs kaufe und, schon erwähnt?, ja schon seit 15 Jahren nur noch Vinyls kaufe, fragt man sich genau wie bei den Hipstern im Kaffee-Laden. `Mögen die jetzt Musik oder ist die Platte einfach nur der Flat White der Musik-Branche?`

 

Wenn man dann aber bei Saturn steht, die Harry Styles Platte endlich in der Hand, fragt man sich, bin ich eigentlich besser? Eine kleine Anekdote aus besagtem Warenhaus.

 

Friedrich weiß ganz genau, was er sucht. Eine große, rosa Fotobox, welche ihm über einige Umwege Zugang zu einer Halle verschaffen könnte, in der mehr Handybildschirme den Saal erleuchten als Sterne den Himmel. Eine Halle, in der alle in eine Richtung schauen, und eine Hälfte sich ärgert nicht One Direction zu sehen. An den Security-Guards vorbei, die beim Betreten des Ladens schon so schauen, als müsse man sich Sorgen machen, versehentlich eine Playstation 4 unter seiner Jacke versteckt zu haben. Um das Vertrauen der blaugekleideten Musikspezialisten zu gewinnen, muss Friedrich allerdings erst eine Trophäe erhalten, diese vor den rosa Altar tragen und danach möglichst unauffällig wieder zurücklegen. Sich selbst einredend, er würde die CD vielleicht ja wirklich kaufen, greift Friedrich “Second Coming” der Stone Roses, läuft noch einige wohlbedachte Kreise vorbei an einer Epoche, einem Genre, den Charts, ehe er schließlich an der Fotobox landet. Um bloß nicht so zu wirken, als hätte er mit dem Auftauchen dieses Relikts gerechnet tastet er sich heran, beäugt kritisch die Hülle und Aufschrift der Maschine, ehe er sich vor den Bildschirm wagt, der mit Blümchen und pinken Silhouetten mit langen Haaren verziert wurde. Ein kurzes rituelles Lächeln huscht über seine Lippen, als er in seiner Rolle feststellt, was da vor ihm steht, und, als er ganz außerhalb der Rolle, über sein Lächeln in der Rolle lächelt. Ein endloser Kreislauf des Lachens, fast wie Bernd das Brot, nur, dass einen dort weniger das Lächeln sondern eher die Beklemmung überkam, in einem Raum gefangen zu sein. Ok, vielleicht doch, wie Bernd das Brot. Auslöser, Anweisung, halber Kopf abgeschnitten, Prüfung knapp bestanden. Mit einer hektischen und konspirativ anmutenden Bewegung platziert Friedrich das Foto in der Innentasche seiner Jeans-Jacke, stolziert zum CD-Regal zurück, setzt die Stone Roses CD in das vorgesehene Fach und wischt sich die Schweißtropfen von der Stirn. Indiana Jones und die rosa Fotobox.

 

Gleichzeitig nicht in einer Szene sein zu wollen, und sich trotzdem so sehr über die eigene Außenwirkung des Musikgeschmacks bewusst sein. Hmm. Das muss nicht sein. Ab heute bin ich stolz, Harry Styles zu hören, ab heute marschiere ich mit Helene Fischer Platten in regenbogenfarbene Fotoboxen, ab jetzt mache ich Polaroids mit Justin Bieber. Aber nur, solange Louis mich nicht sieht.

 

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