Talking Heads

talkingheads_001Talking Heads, sprechende Köpfe, ein komisches Bild, das die Band aus New York angeführt von Sänger David Byrne da beschreibt. Während es auf der einen Seite einem Politformat in den USA seinem Namen gab, könnte der Bandname auch eine Anspielung darauf sein, dass die vier damaligen Kunststudenten der Musik einen pragmatischeren Sinn verschaffen wollten, als den des Kunstschaffens. Vier Kunststudenten, die genug von Kunst haben und sich deswegen der Kunst des Musizierens widmen? Ob so eine Annahme gerechtfertigt ist und inwiefern Brian Eno als Produzent die Band wieder in das Atelier zurückführte ist eine Frage, die vermutlich niemand beantworten kann. Die ersten 4 Alben der Band, markieren eine Entwicklung, die individueller und interessanter kaum sein könnte. Wo also fängt man besser an als 1977, dem Jahr in dem die Talking Heads ihr Debut-Album veröffentlichten.

Debut-Alben, und dieser Trend ist bis heute nicht abgebrochen, tragen häufig den Namen der Band oder des Künstlers. Ob damit möglichen Verwirrungen bei neuen Hörern vorgebeugt werden soll, die den Albumtitel für den Bandnamen halten und somit ihren Freunden begeistert von ihrer neuen Lieblingsband „Parachutes“ erzählen, oder einfach nur der Sound der Band definiert werden soll, Talking Heads gehen noch einen Schritt weiter. „Talking Heads 77“ gibt sogar noch selbst an, wann es veröffentlicht wurde. Das erste Album der Talking Heads, und dafür sind besonders „Uh-Oh Love Comes to Town“ und „Psycho Killer“ geeignete Beispiele, zeichnet sich durch hektischen, sehr rhythmischen Gesang und einprägsame Bass-Lines aus. David Byrne wirkt so, als würde er bei dem Versuch zu verhindern, dass die gesungenen Wörter aus seinem Kopf drängen, so viel Druck aufbauen, dass die Wörter ihn schon wieder selbst überraschen. So driftet „Psycho Killer“ ins Französische und Wiederholungen, die vom Sänger selbst beklagt werden. Etwas „Psycho“, schizophren. Ansonsten bietet das Album sorgsam strukturierte und eigentlich bekannte, angenehme Melodien, die von David Byrnes Gesang aber so aus dem Kontext gezogen werden, dass am Ende nur noch die Frage bleibt, was davon eigentlich ernst gemeint war.

„More Songs about Buildings and Food“, das zweite Album aus dem Jahr 1978 wird dieser Frage gerecht. Die Musik entwickelt sich in eine funkige Richtung mit afrikanischen Einflüssen, ohne dabei den strukturierten Beach-Charme des ersten Albums zu verlieren. David Byrne ist immer noch klar erkennbar, jedoch wirkt seine Stimme weniger gepresst, die Texte noch eindeutiger ironisch. „The Good Thing“, „Found a Job“ und „The Big Country“ markieren ein Triumvirat der Ironie. “The Good Thing” weckt mit seiner spielerischen Melodie Jingle-Ambiente, während Byrnes Text wie ein Mantra den ziellosen Ehrgeiz der Arbeiterschicht auf die Schippe nimmt. „Found a Job“ spricht den, sich über das schlechte TV-Programm aufregenden, Durchschnittsbürger an und schafft eine einfache und zugleich unrealistisch erscheinende Lösung. Sollen sie doch einfach selbst das TV-Programm gestalten. Trotz Sarkasmus und ironischer Kritik präsentieren die Talking Heads einleuchtende Lösungen, die auch heute mehr Relevanz denn je haben. Wer ertappt sich nicht schon mal dabei, wie er sich über das Fernsehprogramm, Youtube-Trends, Instagram-Influencer uvm. aufregt. „Why bother?“ fragt Byrne zurecht, einfach selber machen, besser machen. Zwei Songs stechen besonders heraus aus dieser Ansammlung humoristischer Sozialkritik, „Artists Only“ und „Im not in Love“. In „Artists Only“ benutzt Byrne eine prätentiös wirkende, schrille Stimme, um den stereotypischen „Künstler“ zu karikieren. Die Musik wechselt von „artsy“ zu spielerisch und zurück, während der Text vermutlich vom Selbstverständnis der 4 Musiker handelt. Im Kunststudium werde Kreativität viel zu sehr konzeptionalisiert, sodass die Freiheit in der Kunst zu einer Unfreiheit mutiert. Mit „Im not in Love“ bietet das Album auch einen heute noch massentauglichen Pop-Rock Song mit eingängigem Gitarren-Intro.

Ihr zweites Album scheint das Album zu sein, das am meisten „Talking Heads“ ist. Brian Eno, der mit Einflüssen der Black-Music Szene sympathisiert und arbeitet, hat auf diesem Album einen moderaten Einfluss als Produzent und die Texte scheinen sich stark an dem Empfinden in der Zeit zu orientieren. Unterhaltsamer Kabarett-Pop-Rock, der nur aufgesetzt wirkt, wenn er es auch will.

Umso überraschender der musikalische Wandel auf „Fear of Music“, welches nun größtenteils in die Hände von Brian Eno gelegt wurde. Kompletter Dadaismus in „Zimba“ und absolute Entfremdung statt realitätsnaher Ironie. „Memories Cant Wait“, „Mind“ und „Drugs“ sind viel dichter und weniger klar strukturiert als die Songs der vorangehenden Alben, eine Entwicklung, die sogar vor Byrnes prägnanter Stimme nicht Halt macht. Verfremdung und Echo schaffen einen atmosphärischen Klang, afrikanischer Funk und tiefe Beats einen Rahmen für psychedelischeren Sound, der zwischendurch aber immer wieder Ansätze zeigt, die aus heutigen Pop-Rock Stücken nicht mehr wegzudenken sind. So liegt die Behauptung nicht fern, ohne „Drugs“ würde ein großer Teil atmosphärischer und beatlastiger Rock-Musik dieses Jahrzents nicht bestehen. Der Song wirkt in seiner eigentlichen Struktur der musikalischen Verdichtung im Kontrast mit den immer wieder einsetzenden und schnell wieder abklingenden sphärischen Sounds dem Titel entsprechend wie ein Drogentrip in einem Aufzug. Einsprecher, die Funksprüche der Raumfahrt andeuten und in ca. einminütigen Abständen Sounds, die von z.B. “The 1975” als „explosions in the sky“ und definierend für ihren Sound genannt werden. Die Musik wirkt viel mehr wie ein Nebel, ein Schleier als wie eine bewusste Kreation. Bei „Dancing for Money“ liegt sogar Tenacious D nicht fern, lyrische Improvisation, jammen als Dadaismus.

Auf Remain The Light sind die Talking Heads dann endgültig zum Produkt Enos geworden. Die Songs setzen häufig bereits mit voller Besetzung ein, die für dieses Album noch um einige Musiker erweitert wurde und einen Moment der Ruhe sucht man vergeblich. „Crosseyed and Painless“ zum Beispiel versäumt es trotzdem nicht dem dichten Sound eine Struktur zu geben, die zwar immer wieder unterbrochen wird und an Stellen willkürlich wirkt, aber dennoch den Gesang unterstützt. Eine Diskussion über die Bedeutung von Fakten, verpackt in simple Worthülsen, erinnert thematisch an den Dadaismus des Vorgängers, ohne sich aber so weit von der Realität abzuheben. Die sphärischen und atmosphärischen Motive und der funkige Rhythmus in Songs wie „Once in a Lifetime“ ist poppiger als „Fear of Music“ und wird weitgehend auch als prägender gewertet. Inwiefern diese fortschrittlichen Themen aber schon in den früheren Alben vorhanden waren und nur in diesem Album endlich in den Vordergrund drängten ist strittig. Das entscheidet man am besten für sich selbst.

Mit der Trennung von Brian Eno als Produzenten entwickelten sich die Talking Heads in eine Richtung, die leider kein wirkliches Ziel aufwies. David Byrne wirkt kreativ befreit und schaffte spirituellere Texte, die Musik jedoch wirkte uninspirierter als zuvor. Es ist nicht fair, das Spätwerk der Band an den Meilensteinen zu messen, die sie früh in der Karriere setzten. Aus genau diesem Grund sind Songs wie “(Nothing but) Flowers”, “Wild Wild Life” und nicht zuletzte “Radio Head”, der einer der größten Rock-Bands unserer Zeit ihren Namen gab, Meilensteine für sich selbst, einflussreiche Stücke einer Band, die viel zu selten genannt wird, wenn es um Einflüsse moderner Künstler geht. Brian Eno mag einen Keil zwischen Sänger und Band getrieben haben, aber wer sind wir, darüber zu urteilen, scheint das Phänomen des einzelgängerischen Frontmannes doch kein Einzelfall zu sein, sondern ähnlich wie das Self-Titled-Debut Album, Mode.

 

Bild:

http://cancionesdebuenrollo.blogspot.de/2014/08/psycho-killer-by-carol.html

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