Die Menge bebt nicht 

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-Blossoms

 

Vorbands sind etwas ganz besonderes. Zu kaum einer anderen künstlerischen Darbietung, für die man auch noch Geld bezahlt, hat man ein so ambivalentes Verhältnis, wie zu der Band, die dafür sorgt, dass das eigentliche Ereignis noch weiter verschoben wird. Die dafür sorgt, dass man auf einer Veranstaltung, zu der man die Setlist vorher schon googlen kann, noch überrascht wird.

Das Gute ist, und das merke ich besonders beim Schreiben dieses Blogs, dass einem die schlechten Vorbands gar nicht in Erinnerung bleiben. Da man die Namen der Band nur flüchtig und die Titel der Songs oft gar nicht kennt, hängt die Nachhaltigkeit der Erfahrung davon ab, ob man sich im Nachhinein immer noch mit der Gruppe beschäftigt. Ich habe mal drei Beispiele rausgekramt, bei denen ich im Nachhinein noch glücklicher war, die Vorband gesehen zu haben, als den Hauptact, und anhand welcher man vielleicht dem Mysterium auf die Spur kommen kann, warum Vorbands viel kritischer beäugt werden als ihre closenden Counterparts.

Als erstes wären da The 1975, 2013 als Vorband von Two Door Cinema Club in Münster. Mit welcher Erwartung ging ein dicklicher, langhaariger, mützentragender kleiner Friedrich zu so einem Konzert? Nun. Um bei ein paar poppigen Brit-Rock Stücken kopfnickend am Rand der Menge fasziniert zu sein von der Atmosphäre, die ein Live-Konzert mit sich bringt. Genau diese Erwartung wurde von The 1975 um ein Vielfaches übertroffen. Die Existenz von Songs wie “Head Cars Bending” war mir nicht bewusst, ich wusste nicht, dass Gitarren einen Sound machen konnten, der so atmosphärisch klingt, dass man sich wie ein Teil einer Explosion im Himmel fühlt. Unter meiner schwitzigen grünen Mütze sammelten sich also Gedanken darüber, wie man die Musik dieser Band wohl öfter hören konnte, konnte ich sie einfach googlen, existierte sie überhaupt? Ich dachte der Name der Band sei “Dog is Dead”, weil die Supports auf der Eintrittskarte falsch gelistet waren und bemerkte erst am Merch-Stand, als Matthew Healy vor den “The 1975”-Shirts stand, dass “Dog is Dead” mir wohl doch nicht gefallen hatte.

“Cloud Control”, 2014, als Vorband von Local Natives in Köln. Und ich erinnere mich an schlimme Bauchkrämpfe vor dem Konzert. Das war unangenehm, aber zum Glück mit Beginn der Show vorbei, sonst hätte ich das ganze sicher nicht durchgehalten. Local Natives, ein Sound, der die West-Coast in die Musik bringen soll und sich sehr stark in dem Song “Optimistic” von Radiohead zentriert, versprachen mit ihren zahlreichen Acoustic-Versionen bei Youtube ein musikalisch hochwertiges, teilweise improvisiertes und emotionales Konzert. (Was sich allerdings mittlerweile geändert hat. Habe die Jungs Ende 2016 noch einmal sehen dürfen, und sie scheinen sich im Rock jetzt um einiges wohler zu fühlen, als in der folkig angehauchten Schiene.) Cloud Control bot dann genau das, mit einem Hauch spiritueller, meditativer Energie. Eindrucksvolle Background-Vocals, die nicht wie bei Local Natives eine Mehrstimmigkeit zum Ziele hatten, sondern das Unverständliche noch unverständlicher machen sollten. Hört euch mal “Scream Rave” an, oder “Gold Canary”, Gospel, Meditation, Folk, Atmosphäre.

Zu guter letzt, und nur wenige Wochen her, “Blossoms”, 2017, Vorband von “The Kooks” in Hamburg. Was man sich von den “Kooks”, und besonders auf einer Best-Of Tour erhofft, muss ich glaube ich keinem erklären. “Naive”, “Shine On”, “Seaside” und all die anderen Hits der Band sprechen da für sich. Eine riesige Party, auf der alle den gleichen Zeilen folgen und dem Brit-Rock der frühen 2000´er huldigen. Und wer betritt da als erstes die Bühne? Ein blasser, schlaksiger und langhaariger Junge mit roten Backen, Schlaghose und nicht dem Ansatz eines Bartes. Wie er sich in dem engen Pullover Richtung Mikro bewegt bekommt der Zuschauer einen Anflug von Melancholie. Ist das Young Ozzy? Der Sound kommt von 2016, und klingt wie die frühen 2000´er, mit Einflüssen aus der New Wave. Mysteriös mit Hall behaftete Stimme. Und ein Keyboard, das so heutzutage viel zu selten bedient wird, gemäßigtes Tempo. Musik ohne Forderungen, die einfach nur das Verlangen erzeugt, sich reinzulegen und nichts weiteres zu tun. Die Atmosphäre der Band lässt sich beschreiben, wie eine Zeit, die es nie gab, aber an die sich jeder erinnert. Oder so ähnlich. Gebt euch das Piano in “Getaway” und “Charlemagne” und den Herzschmerz von “My Favourite Room” und ihr versteht, was ich meine. Wenn dann eine ganze Halle den Ex-Freund eines Mädchens aus der Front Row anbrüllt, “Julian!”, Schaffer des Unglücks, Zielscheibe der Fröhlichkeit, dann vergisst man kurz, dass das nur die Vorband war und man nach 30 Minuten, emotional ausgelaugt, immer noch ein Konzert vor sich hat.

Ist es also die atmosphärische Musik, die uns als Vorband fasziniert? Schlicht und einfach, weil diese Bands auf dem Band nicht so euphorisch und zum Mitsingen anregend rüberkommen, wie es ihre stadionfüllenden Gegenüber tun? Es spielt bestimmt eine Rolle, jedenfalls habe ich gemerkt, dass mir nicht die Acts in Erinnerung blieben, die versuchten nachzuahmen, sondern die, die versuchten, möglichst viel von sich selbst in den 30 Minuten, die ihnen zur Verfügung stehen preiszugeben.

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-The 1975

 

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-Cloud Control

 

 

Bild:

http://www.fun48.com/vsh_Blossoms-2-order-default.html

http://www.gzhphb.com/article/56/563229.html

https://www.bbc.co.uk/music/artists/51f33514-92ec-470d-b373-2f05be28e1a0

2 comments

  1. Ich konnte Blossoms im November 2016 im Astra Kulturhaus, Berlin erlebt. Dort traten sie als Vorband von Jake Bugg auf. Und bei mir haben sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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