Die Vegetarierin 

IMG_1834Es gibt Bücher wie Harry Potter, bei denen die Klappentexte ein Tor sind in die Welt, die einen erwartet. Eine Einleitung vor der Einleitung, eine Handlung im Zeitraffer, mit einem klaren Versprechen von einer Handlung, die man einschätzen kann.

Und dann gibt es Bücher, deren Titel und Klappentexte so kryptisch und geheimnisvoll wirken, dass in dem Buch selbst alles auf einen warten könnte. “The Vegetarian”, erwartet mich jetzt das prätentiöse Gelaber einer Hipster-Dame, die möglichst artsy erklären möchte, wie sie ihren Lifestyle geändert hat? Erwartet mich die Liebesegeschichte eines Fleischfressers, der im Urlaub in Frankreich eine reizende Vegetarierin kennen lernt, die ihm die beste Gemüsesuppe seines Lebens kocht und ihn spirituell erleuchtet, Chocolat mit Karotten? Oder gar ein Sachbuch, über den menschlichen Körper im Vegetarianismus? Nein, Quatsch. Natürlich nicht. Und auch wenn es arrogant erscheint, als jemand, der größtenteils mit westlicher Literatur konfrontiert wird, so eine Behauptung aufzustellen, aber Han Kang trifft in diesem Punkt einen ähnlichen Ton wie Haruki Murakami in vielen seiner Bücher. Es wird spirituell, aber das normalste wird nie ausgeblendet. Die Spiritualität im Alltäglichen gesucht und die menschliche Psyche unter die Lupe genommen.

Das Buch beginnt, wie es auch ein normaler, ich sage mal gediegener Roman, tun könnte. Ein junges Paar lebt gemeinsam ein, für koreanische Verhältnisse, normales Leben. Allein das macht es schon so interessant Bücher von asiatischen Autoren zu lesen, da selbst die Beschreibung des Alltags so unterschiedlich ist, von der, wie sie ein westlicher Autor vornehmen würde. Kulturelle Gepflogenheiten, welche uns eventuell fremd erscheinen, sind normal und vollkommen natürlich beschrieben, was den Einblick viel einfacher macht, als den gleichen Inhalt von einem Autor aus unseren Gefilden zu lesen.

Ähnlich wie bei Murakami, und es tut mir Leid, dass ich ihn schon wieder als Referenz heranziehen muss, mir fällt nur keine andere passende ein, spielt auch in Han Kangs Roman die Sexualität eine große Rolle. Jedoch losgelöst vom körperlichen Akt und eher zu einem Kunstobjekt geformt, das in natürlicher Art und Weise den menschlichen Organismus in Zusammenarbeit mit seiner Psyche darstellen soll. Dabei werden auch andere Aspekte extrem spiritualisiert, sodass an einigen Stellen die Grenze zwischen Fantasie und Realität fast durchbrochen scheint. “Die Vegetarierin” ist nicht bloß eine Vegetarierin, sondern sieht in der totalen Anpassung an die Natur, an die Bäume und deren Verhältnis mit der Erde, die einzige Möglichkeit, dem Leben einen Sinn zu verleihen. Sie geht soweit, sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um dieser Ideologie treu zu bleiben.

Was Han Kang aber, angesichts dieser ziemlich verrückt klingenden Story, schafft ist, diese Ideologie nicht wie einen Zwang aussehen zu lassen. Der Charakter der Vegetarierin ist so geschrieben, dass es weniger wie eine Ideologie, der man folgt, klingt, sondern eher wie ein Geisteszustand, der nicht hinterfragbar und fundamental vorhanden ist. An keiner Stelle im Buch entscheidet sich die Vegetarierin wirklich dafür kein Fleisch mehr zu essen, weniger zu reden und zu trinken und für den objektiven Beobachter, einzugehen. Durch das ganze Buch hindurch fragt man sich, ob eine traumatische Erfahrung diesen psychopathisch anmutenden Zustand ausgelöst hat, oder ob sie vielleicht doch ein größeres Ziel verfolgt, in ihrer spirituellen Entwicklung nur zwei Schritte voraus und bereits transzendiert ein anderes Verständnis vom Leben hat.

Die nüchterne Erzählerperspektive, die ihr Freund liefert und die sehr künstlerische, die ihr Schwager dem Leser gewährt, schaffen ein Spektrum an Wahrnehmungen ihrer Entwicklung, das einen gleichzeitig Begeisterung und Trauer fühlen lässt, dafür, wie sie ohne es zu wissen in der Kunst der Natur am nächsten kommen kann aber auch die Kontrolle über sich selbst verliert, abgibt an etwas, das sonst niemand für real halten kann.

Zusammengefasst also ein sehr ambitioniertes Buch. An vielen Stellen würde es creepy wirken, hätte ein anderer Autor eine entsprechende Szene in ein anderes Buch eingebaut, aber die Szenen ergeben irgendwie Sinn. Wenn zwei Leute, mit Blumen bemalt vor einer Kamera Sex haben klingt das mehr wie ein abgedrehter Porno oder der neue Erotik-Hit “50 Shades of Green” als wie ein Roman, der einen Man Booker Prize gewinnen konnte. Aber so liest es sich nicht. Es liest sich wie ein hoch psychologisches und philosophisches Buch, das der Selbstfindung und Selbstverarbeitung keine gesellschaftlich definierten Grenzen der Kreativität entgegenstellt.

Denkt an Murakamis Tsukuru Tazaki, der sich farblos fühlt, und in seiner Gräue seine Unzugehörigkeit definiert, Auren spürt und in Träumen regelmäßig mit realen Menschen interagiert, oder Norwegian Wood, in dem Traumata langsam aufgelöst werden und Charaktere in mysteriölsen Wäldern verschwinden. Und das alles passiert Menschen, deren übriges Leben als so durchschnittlich und nachvollziehbar beschrieben wird, dass man die Genre-Frage nicht mehr definieren möchte.

Ist es realistische Fiction? Ja. Ist es Fantasy? Ja, genau so sehr.

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