Yu-Gi-Oh #2 – Vom Verlieren und Realisieren

 

IMG_2439Der Einstieg in das Multiversum der Yu-Gi-Oh Spieler und der Untergang an der Kenntnis, selbst nur ein Kiddie unter vielen zu sein war unausweichlich, und wichtig. Also machten wir uns auf, Road-Trips mit der Mutter am Steuer, Aschaffenburg, Oberhausen, Rheine, Bochum, Kassel, standen auf der Tagesordnung, irgendwann nahmen wir auch den Zug und quartierten uns in Hotels ein, die möglichst nahe zur Location waren. Turniere von einer Größenordung bis 1200 Personen ließen in einem das Gefühl aufkommen, man wäre Teil etwas ganz großen und epischen beim Spielen eines Kartenspiels. Die Mission herauszufinden, wo man steht und was man alles noch nicht gesehen hatte. Ich erinnere mich noch genau an ein Spiel in Bochum gegen einen Briten. Mein erstes Spiel gegen einen Ausländer, der Stolz für mein Alter schon relativ gut Englisch sprechen zu können und der Ehrgeiz ihm mit meinem Absolute-Zero Deck ein Bein zu stellen, wechselten sich ab. Und obwohl ich das Spiel verlor lobten wir uns gegenseitig, redeten über Spielzüge und verabschiedeten uns freundlich.

Als Kind in der Yu-Gi-Oh Szene lernt man das Verlieren. Und mit Frustration umzugehen. Stellt euch vor ihr würdet kurz vor eurem großen Auftrtt stehen, ein Radfahrer in der Startformation, ein Fußballer beim Aufgang zum Spiel, ich in der dritten Runde meiner ersten Deutschen Meisterschaft. 2:0 stand ich bis jetzt, am ersten Tag wurden 8 Runden gespielt und mein “Tengu-Plant” mit einigen Techs wie “Cybertal” brachte mir langsam bei, wie ich die Gegner einzuschätzen hatte. Ich setze mich also gegenüber meines Gegners, schüttelte mir die langen Haare aus dem Gesicht und sah meinen Gegner, die wohl unangenehmste Gruppe der Yu-Gi-Oh-Spieler damals, an. Beats-Tragende Halbstarke, 20 Jahre alt und bis zum geht nicht mehr von sich selbst überzeugt. Kommentare wie “Warum hast du das jetzt so gemacht?” und trockene, unangebrachte Lacher nahmen jeden Spaß am Spiel. Als hätte das Herz der Karten spontan entschieden, mir noch ein zweites Bein zu stellen, sodass ich beim Versuch dem ersten auszuweichen doch nur wieder auf der Fresse landen würde, kam der Schiedsrichter des Turniers zu unserem Tisch und bat uns, unsere Decks abzugeben. “Deck-Check”.

Bis jetzt hatte ich von so etwas nur gehört, nie gedacht, dass so etwas mich auch mal treffen könnte. In Yu-Gi-Oh ist so ein Check in etwa vergleichbar mit einem Drogen-Test in jedem anderen Sport. Abgegebene Decklisten werden mit den tatsächlich gespielten Karten verglichen und beschädigte Hüllen und Karten notiert, man soll ja nicht in der Lage sein zu antizipieren, was man als nächstes zieht. Da saß ich also, ein Poker-Spieler, der eigentlich wusste, dass alles an seinem Deck regelkonform war, der kein Pokerface wahren konnte gegenüber dieses jungen Herausforderers, der sich allein wegen seines Alters überlegen fühlte, und natürlich wegen der roten Beats. Wie hypnotisiert starrte ich “Elementarheld Chaos-NEOS” an, der meine Spielmatte zierte und wartete darauf, endlich von dieser Spannung erlöst zu werden, diesem unglaublich unangenehmen Menschen zu entkommen und die nächste Runde in Angriff zu nehmen. Und da kommt der Judge wieder um die Ecke, Deckboxen in der Hand und schnellen Schrittes durch die bereits spielenden Mengen. “Dein “Staubtornado” ist unspielbar, Friedrich.” oder “Dein Test war positiv, Armstrong.”. Na toll. Vor dem Turnier hatte ich meine nicht glänzenden “Staubtornados” gegen 2 Super Rare-Versionen eingetauscht, wohl dem kollektiven Irrglauben erlegen, glänzende Karten würden mich zu einem besseren Spieler machen. Und diese waren offenbar gedoped. Match-Loss, und ich durfte mir für den restlichen Verlaufs des Turniers zwei neue Staubtornados anschaffen, die nicht gebogen waren. Genau das tat ich an einem der vielen Kartenstände, die Karten zu überhöhten Preisen anbieten und somit das eigentliche Kartenverkaufsverbot in den Hallen ausnutzen, um selbst möglichst viel Gewinn zu machen.

Neue Staubtornados gefunden, nachdem ich wie Shia LaBoeuf in Transformers oder Superman auf einem Open-Air Konzert, den Ordner überflogen hatte, machte ich mich auf den Weg zu dem einzigen, der mir meine Spielerlaubnis wieder erteilen konnte. Aber wie ein Seiltänzer, der einmal gesehen hatte, wie jemand stürzt, oder, um in damaligen Gefilden zu verkehren, ein Jugendlicher, der auf dem Spielplatz bolzend einmal knapp an einem Auto vorbeigeschossen hatte, ergriff die Verunsicherung Überhand und ich verließ das reguläre Turnier beim Stand von 2:1, tauschte, spielte gegen Freunde und ließ mir das eine Lehre sein. Noch mehr Runden hätten nur an meiner schwindenden Konzentration genagt, und zu der Feststellung, dass nichts nahrhaftes mehr zu holen war. Auf dem Rückweg schon, ein handgemischter Döner, etwas eklig aber auch lecker. Wenn man jung ist, denkt man, nichts könne einen umbringen. Nicht einmal ein unhygienischer Döner. Wir schmuggelten Pizzen mit extra-cheesy Rand in viel zu gute Hotels, aßen Salat mit den Händen und Curry-Würste mit 3 Enden, verrückte Zeiten.

Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, fiel auch unser Team langsam aber stetig auseinander, bis selbst der neue Youtube-Kanal von einem wütenden Teammitglied gelöscht wurde. Aus “Team Goppo de la Bumba”, dem emotionalen Kindheitsprojekt wurde “Explode Nexus”, das naive und pseudoprofessionelle Gemisch aufschäumender Gemüter. Besser hätte man den Namen nicht wählen können.

Damit war die Geschichte noch nicht vorbei, aber der vier Jahre anhaltende  Traum, sorgenlos in einer realistischen Fantasiewelt zu leben, war es. Turniererlebnisse waren nicht mehr neu, entzaubert von “cheatenden” Gegnern, die einem den Spaß an einem Spiel nahmen, in dem Geld immer wichtiger und die Spiele immer langweiliger wurden. Stellt euch vor, man könnte sich beim Schach Geschütze für die Türme kaufen, oder ein Schloss für den König und stellt euch vor, Schachspiele würden entweder 3 Runden dauern, oder die Schachfiguren würden voreinander fliehen, aus dem Schachfeld hinaus, bis gar nicht mehr ersichtlich ist, wer hier gegen wen spielt. Fechter, die nur noch nach ihren Schatten stechen oder 2 Degen benutzen.

Also verabschiedeten wir uns von dem Spiel, dass uns so einiges beigebracht hatte und verfrachteten die restlichen Karten auf dem Dachboden. Verabschiedeten uns von einer Szene, die uns besiegt hat, uns getragen hat und am Ende vor uns weggelaufen ist. Genug fantastische Duelle ausgetragen, um uns langsam wieder echten zu stellen. Danke für diese 4 Jahre!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s