Chihuahuas im Winter 

IMG_2347Es gibt da so etwas bei Menschen. Zumindest bei mir. Wenn man einen Geruch aus der Kindheit plötzlich und unerwartet wiederentdeckt, ein Geräusch hört, eine Stimme hört, die einem zu dem gemacht hat, der man geworden ist. Wenn man auf einer Wiese liegt, die Sonne jegliche Wahrnehmung ausblendet. Wenn man auf einmal nicht mehr auf der Wiese ist. Sondern in einem Auto, in einem Stau, auf einem Fahrrad, durchgeschwitzt im Schnee, von der Schule zur Arbeit.

Dj Bobo. Mein erstes Album und nicht mein größter Stolz. “Chihuahua”, banal, dumm, musikalisch nicht einmal bewertungswürdig, transportiert mich in ein Auto. Heimweg aus Frankreich. Campen! Ja, campen. Ich hörte einmal die Autobatterie mit Benjamin Blümchen leer, baute fleißig kleine Roboter zusammen, aß meine ersten Miesmuscheln am Meer, die mir mit Ketchup auch nicht so mies schmeckten. Mein erster MP3-Player, ein schwarzer Brocken, 256 mb, das würde heute wohl nicht für einen Tag reichen. Und der Stau auf der Rückfahrt. Ich durfte aussteigen! Auf der Autobahn aussteigen und meine Spielzeugautos neben ihre echten Ebenbilder stellen, Leuten zugrinsen, die das gleiche Schicksal ereilt hatte, hinter die Leitplanke pissen durfte ich. “Chihuahua”.

“Cute is what we aim for”. Ein pubertierender Tennis-Spieler steigt auf sein Fahrrad um durch den ersten Schnee des Winters nach Hause zu fahren. Auf seinen Ohren singt irgendein Frisurklon des Jungen von Hollywood, Drogen, Frauen und Depression. Lange Haare unter der Mütze, mann, was fühlte man sich cool. Unnahbar. Der schwarze Klotz eingetauscht gegen einen blauen iPod, 8gb! Sorgen? Um Yugioh-Karten, Saxophon-Unterricht ausweichen, Hausaufgaben möglichst weit aufschieben. Ich trete in die Pedale, möglichst schnell wieder zu ICQ, wer wohl alles schreiben will? Wer wohl alles über was und wen reden will? Und dann im Urlaub, in den USA erst. Weiße PSPgo, das wohl unpraktischste Handheld aller Zeiten, welches heute noch irgendwo in meinem Besitz versauert, mit Apple-Kopfhörern, `Practice makes Perfect`auf den Ohren und einem Lichtverpflichtet-Deck in der Hand. Jeder WLAN-Stopp wurde einmal dafür genutzt, mein Yugioh-Team zu updaten und neue Bewerbungen anzuschauen. Wo “DJ BoBo” noch durch kindliche Naivität auf meinem mp3-Player gelandet war, waren “Cute is what we aim for” für einen 14-jährigen Jungen wie eine Traumwelt, so müssen Kinder sich heute mit Fidget-Spinnern fühlen, cool, egal was sie machen. Ich hoffe nur, dass es damals nicht auch so bescheuert aussah, wie besagte Spinner.

“Bon Iver” und vielleicht das erste Mal, dass ich das Hauptaugenmerk wirklich auf die Musik gelegt hatte und nicht auf die Geschehnisse drumherum. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mir mit 16 im Sommer die fünf “Game of Thrones” Bücher kaufte, tagelang nur in der Hängematte lag und bei den sanften Klängen von “Flume” und “Skinny Love” die epischsten Schlachten verfolgte, die ich je erleben durfte. Wie ich ganze Zugfahrten mit diesen Büchern und dieser Musik überbrückte, mich beim vierten Band immer wieder fragte, wann denn Jon Snow endlich wieder auftauchen würde, wie geschockt ich war, als ich erfuhr, dass Bran und Rickon doch nicht tot, und Davos nur einem Schwindel zum Opfer gefallen war. Sogar in Norwegen begleiteten mich die Bücher, auch wenn ich mich vage daran erinnern kann, durch “This is Gospel” von “Panic at the Disco”, welches damals grad neu war, in meine “Cute is what we aim for” Vergangheit zurückversetzt worden zu sein.

Bon Ivers zweites, selbstbenanntes Album begleitete mich dann durch meine Abiturzeit und brachte mir bei, Songs zu genießen, die sich langsam aufbauten um zu einem epischen Ende zu kommen, das ohne das Vorgeplänkel gar keinen Sinn gemacht hätte. Hoffentlich so wie Game of Thrones irgendwann mal zu Ende gehen wird. Von Bon Iver bis Balmorhea ging Musik ab jetzt mit mir am Strand spazieren, prägte sich ein und wurde zu mehr als nur einem Fidget-Spinner. Eher zu einem Lieblingsshirt, oder Lieblingsschuhen. Zu einem Soundtrack.

Musik als belebendes und sinnfreies Spaßinstrument. Musik als euphorisierender Katalysator jugendlicher Rastlosigkeit und Musik als beruhigende Kunst, Musik ist schon ganz geil.

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