Kommigration

 

 

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Migration, aus dem lateinischen “migratio” (Wanderung, Umzug) abgeleitet. Leute die sich bewegen, auf einer großen Kugel aus Erde, Stoffen, von denen ich keine Ahnung habe und einer Menge Wasser. Die Kugel schwebt dabei, oder kreist, sie bewegt sich durch einen uns Menschen größtenteils unbekannten Raum. Dieser Raum ist riesig und einschüchternd und wir wissen nicht einmal, ob wir die einzigen in diesem Universum sind, die sich darüber Gedanken machen. Auf diesem klitzekleinen Brocken bewegen wir uns also, und über Jahrtausende kannten wir uns nicht einmal auf diesem kleinen Brocken aus. Über Jahrtausende kannten wir uns gegenseitig kaum auf diesem Brocken. Vermutlich gingen wir auf Straßen, auf Wegen, an Bächen entlang und in Städte hinein, ohne Menschen zu sehen, die uns äußerlich sehr unähnlich waren. Wir haben wahrscheinlich nichts vermisst, weil wir nicht wussten, dass nicht alle so aussehen wir wir. Wahrscheinlich haben sich einige sogar vorgestellt, außer dem, was sie kennen, gäbe es nichts auf dem Brocken, von dem wir auch nichts wussten. Wir lebten darauf und fanden erst langsam heraus, was das eigentlich unter unsere Füßen ist. Und langsam fanden wir heraus, dass man sich auf diesem Brocken sehr weit bewegen kann. Manchmal nur mit dem Schiff und manchmal auch gar nicht. Oder wie ein Vogel, fliegend, und das haben wir dann auch irgendwann gemacht. Um mehr herauszufinden über unsere Situation und unser ungewähltes Heim.

Und dann lernten sich die unterschiedlichen Leute kennen. Einige fühlten sich den anderen überlegen. Aus Wut und vielleicht auch aus Angst unterdrückten Menschen Menschen und machten es so ihren Kindern immer schwieriger einander wirklich kennenzulernen. Langsam lernte der Mensch auch, sich der Kräfte der Erde zu bedienen, um Tunnel zu bauen, noch schneller anzukommen. Aber leider auch, um noch mehr Leid über andere zu bringen. Immer wieder führte die Unzufriedenheit darüber, wie andere ihr Leben leben oder der fanatische Wunsch überall zu leben dazu, dass Vertrauen ausgenutzt wurde und Menschen die sich unähnlich sahen oder unterschiedliche Sprachen sprachen, sich nicht verständigen und verstehen konnten.

Überall auf der Welt hatten die Menschen nämlich versucht, sich mithilfe ihrer Stimme zu verständigen, ihre Gedanken in Schall umzuwandeln und dem anderen mitzuteilen. Das Problem war, dass Menschen von unterschiedlichen Orten unterschiedliche Töne auswählten und sich so kaum verstanden. Anstatt dies als Chance zu sehen, mehr Systeme und vielleicht sogar andere Bilder der Wahrnehmung zu gewinnen wehrten sich viele dagegen. Sie fühlten sich hintergangen, wenn sie jemanden dort nicht verstehen konnten, wo sie früher jeden verstanden hatten. Da war wieder dieser Ärger und die Angst, irgendwas zu verlieren. Das Gefühl etwas zu verlieren, weil man vergessen hatte, wo alles anfing. Man hatte das Gefühl etwas zu verlieren, obwohl man unendlich viel gewonnen hatte. Mussten die Menschen früher mit einem Flugzeug in oft lebensgefährlichen Manövern um die Welt gleiten oder Weltmeere bezwingen, um etwas neues zu sehen, konnte man heute einfach einen Fuß vor die Tür setzen. Die Gründe dafür waren nicht schön. Manche Menschen hatten ihre Heimat verloren, weil andere Menschen ihre geballte Wut gegen einen Flecken Erde richteten und große Teile des Brockens, der durch das Weltall schwebt, wegsprengten. Sie, oder jedenfalls einige von ihnen, glaubten, sie könnten dadurch andere Leute dazu bringen, nichts böses zu tun. Sie glaubten, dass sie Leute dazu bringen konnten, gut zu werden, indem sie ihre Häuser und Denkmäler zerstörten. Einige dieser Leute wurden darüber sehr wütend und wollten wiederum den anderen Menschen böses Tun. So ging ein großer Teil des Brockens, auf dem früher Menschen ihre Leben gelebt hatten, verloren und diese Menschen mussten woanders hinlaufen.

Auf dem Brocken gab es einige Bereiche, in denen die Menschen mehr bekamen, als die anderen. Sie mussten weniger tun, aber bekamen trotzdem viel mehr. Die Menschen, die ihre Häuser verloren hatten, sorgten sich darum ihre Heimat zu verlassen, sie hatten auch Angst vor neuen Sprachen und Leuten mit anderen Hautfarben. Aber sie waren mutig und sind sehr weit, ohne Flugzeuge und mit sehr kleinen Booten zu diesen Bereichen gereist. Auch hier erwarteten sie Menschen, die ihren Platz auf dem Land so sehr verteidigen wollten, dass sie die Boote versenkten. Dabei hätten sie doch einfach einen Schritt nach hinten gehen können, um Platz zu machen. Das fiel vielen leider nicht ein. Sie sagten, diese Menschen würden nur auf meinen Platz auf diesem Brocken kommen, weil man hier mehr bekommt und weniger dafür tun muss! Aber waren sie nicht aus genau diesem Grund auch auf diesem Platz geblieben?

Diese Menschen hatten also ihre Angst bezwungen und waren jetzt auf einem anderen Stück des großen Brockens. Jetzt mussten nur noch die Menschen dort ihre Angst überwinden. Um das zu tun, mussten sie über kein Weltmeer segeln, keine Heimat aufgeben und nicht um ihr Stück Land auf dem Brocken fürchten. Sie mussten einfach ihre Arme öffnen und sich Tag für Tag an dem Anblick erfreuen, eine Menschheit zu erleben, die zusammenlebt.

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