Festival-Sommer #1 – Rock am Ring

IMG_2608 (1).JPGIMG_2546.JPGBeine angewinkelt, Muskelkater vom Nichtbewegen und die Sorge, mein Gepäck, dass sich langsam in die Ecke vor dem abgesperrten Bordklo verzogen hatte, würde sich von mir nicht mehr aus dem Felsen ziehen lassen. Die beste Festival-Season begann ohne Sitzplatz in einem überfüllten IC auf dem Weg in die Nähe des Nürburgrings. Beef mit der Schaffnerin, die mich erst nicht im Gang, dann nicht in der Kabine und dann mein Ticket zweimal sehen wollte inklusive. Die Bahn kam ausnahmsweise pünktlich und musste das anscheinend unbedingt wieder wett machen, indem sie anderweitig abnervte.

Der Aufbau des Zeltes gestaltete sich hingegen zum letzten Mal problematisch, Wurf-Zelte wurden direkt nach dem ersten Festival angeschafft, ebenso wie ein Pavillon namens Karsten, aber dazu später mehr. Während der erste Tag bei gutem Wetter und viel Punkmusik begann, die Freude auf Liam Gallagher immer im Hinterkopf, kam das Ende umso abrupter. Gerade als Basement zum letzten Song ansetzten, die Fans schon mitten im Song waren, ertönte eine Durchsage aus sämtlichen Lautsprechern an der kleinen Alt-Stage. Ein Blick auf die Band, die vorne noch performte, verriet, dass sie ebenso überrascht waren wie wir. “Jetzt schaltet doch mal dieses Info-Ding wieder aus.” dachte ich nur, in der Annahme, es wäre nur irgendein Mikro falsch eingesteckt oder der falsche Knopf gedrückt worden.

Nachdem selbst Basement realisiert hatten, dass es keineswegs Missgeschick, sondern Ernst war, der die Durchsage bedingte, ließ sich das Wort “terroristische Gefährdungslage” heraushören. Und zu meiner eigenen Überraschung war es weder Angst noch Wut, die in dem Moment die punkbedingte Euphorie verdrängte, sondern Trauer. Ein bedrückendes Gefühl, dass Idioten jetzt allein schon mittels Drohungen zigtausende Menschen um den Spaß ihres Sommers bringen können. Als deutscher Ordnungsfetischist, der damit aufgewachsen ist, dass alles bis auf mein Zimmer sich an Regeln hält und nicht im Chaos versinkt, war ich froh, dass so schnell reagiert wurde. Dass wir alle frühestmöglich dazu gebeten wurden in Reih und Glied das Gelände zu verlassen und, dass weniger gesungen wurde, als auf dem Hinweg.

Als Mensch, der die grundlose Euphorie die ein Festival begleitet genießt und bei kritischer Reflektion auch feststellen kann, dass es absolut verrückt ist, 80.000 Menschen auf Hügeln im Nichts campen zu lassen um der Rockmusik zu huldigen, gerät man ins grübeln. Zeremonielle Berge an Müll, zurückgelassene Geisterzeltstädte und Pavillonfriedhöfe, das funktioniert nur solange alle mitpielen. Ein riesiges unvernünftiges Privileg, so ein Festival.

Wenn Jake Bugg dann aber im Regen mit seiner Gitarre auf der Bühne aus der Liebe zur Musik seine Einsamkeit mit dem Publikum teilt, dass sich nach Marteria in etwa so ausgedünnt hat, wie mein Haar in 30 Jahren vermutlich, oder man die Massen bei Prophets of Rage von einem Riesenrad riesige Räder formen sieht, macht das alles doch wieder Sinn. Mehr Sinn jedenfalls als nach einem abgesagten Abend den Kopf zu vergraben und sich Gedanken zu machen, die viel besser in einen Blog als ein Festival passen.

Eine wichtige Story gibt es aber noch zu erzählen! Auch wenn sie nichts mit Musik zu tun hat, zeigt sie, was auf einem Festival alles passieren kann, wenn man eine kleine Variable einwirft und sich hinsetzt und betrachtet, wie Leben passiert.

Die Schmetterlings-Melone

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Auf die Idee im Lidl-Rockshop eine Wassermelone zu besorgen folgte der beschwerliche Marsch zurück zum Zeltplatz, Wechsel der Last und Vorfreude auf Bier und Melone. Nachdem brüderlich geteilt und nicht aufgegessen wurde, stellte sich die Frage nach der Entsorgung. Um nicht dem Spott der Allgemeinheit ausgesetzt zu sein, entschieden wir uns dafür, die Melonenhälften zu wenden und wie natürliche Hügel im nächsten Busch verschwinden zu lassen. Einige Minuten später trat ein, was passieren musste. Ein Betrunkener betrachtete die Rundung als Herausforderung und holte aus. Staunend betrachteten wir, wie Teile fast im Zelt des Nachbarn und andere Teile mitten auf der Straße landeten, die in viele kleine Spielfelder aufgeteilt worden war. Staunenede Gesichter und weitere Fußballbegeisterte brachten es so weit, dass ein besonders schmackhaft aussehendes Stück es genau in den Weg eines jungen Paares schaffte. Der verliebte Junge nahm dies als Anlass seiner Liebe Ausdruck zu verleihen und teilte das Stück unter angedudeltem Gedudel mit seiner Freundin. Glücklich und vermutlich mit etwas mehr Gras zwischen den Zähnen als vorher, zogen die beiden weiter. Wir nur Beobachter in Camping-Stühlen. Schaukelstühle wären angebrachter gewesen.

Rock am Ring abgehakt, das Festival deutscher Ordnung und Unordnung, das Festival der Wassermelone. Montag abend blieb mir nichts anderes, als meine letzte Konserve aufzuwärmen und bei Königsberger Klopsen über das nächste Festival nachzudenken, Hrricane, 3 Wochen.

Haben wir alle Bands gesehen, die wir sehen wollten? Ne, haben wir nicht. Haben wir die krassesten Festival-Geschichten zu erzählen? Naja, ich hab hier eine Geschichte über eine Melone geschrieben… Aber war es trotzdem der perfekte Auftakt für einen Sommer voller Musik, Bier und Festival-Euphorie? Definitiv.

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