Festival-Sommer #2 – Hurricane, Global Citizen

IMG_3502.JPGMit ganz neuer Versorgungsstrategie und Bier, das gekühlt bereits am Festivalgelände auf mich wartete, machte ich mich also auf den Weg ins eine Stunde entfernte Scheeßel. Auch wenn Regen, Hagel und ein um Stunden verzögerter Einlass uns extrem abnervte, tauchte mein kleiner deutscher Ordnungsgeist weder auf meiner Schulter auf, als der Sicherheitsbeauftragte die Kontrollen für 30 Minuten auflöste, um die Massen, die langsam im Schlamm untergingen auf sicheres Terrain zu führen. Trotz direktem Profit von dieser Entscheidung fühlten ich und mein deutscher Freund uns leicht verraten, die starke Erleichterung überwiegte dann aber doch, als ich meinen Hausstand der nächsten 4 Tage von den Schultern nahm.

Wie nah das Verhältnis sein konnte, dass man zu seinem neuen Pavillon aufbaut, merkten wir erst, als Karsten einmal fast komplett wegflog und wir mit unserem Bier vor den Ruinen unserer Casa Hurricana standen. Um einen Meter getrimmt und tief in den Boden gerammt wurde Karsten dann zu einem überdachten Vorgarten, zu welchem wir jeden Abend beruhigt zurückkehrten. Das machte den Hurricane schon ohne die Musik zu einem Highlight der Festival Season. 5 Minuten zu den Bühnen, ein Dach überm Kopf und dann erst die Acts. Der Matsch hielt niemanden davon ab, bei Frank Turner und Royal Blood in Moshpits ihre Schuhe zu verlieren oder einfach befreit im Matsch herumzuspringen. Kindliche Faszination ließ sich weder vom Regen noch von Müdigkeit stoppen und selbst bei Imagine Dragons entwickelten wir Choreographien, auf die selbst Dj Bobo stolz wäre. Moose Blood zeigte mir an der leeren Bühne wieder einmal, warum sie bei meinem 20. Geburtstag zu einer meiner Liebslingsbands geworden waren. Lordes minimalistischer Auftritt mit neuen und alten Songs beeindruckte besonders, als der Gedanke in mir aufkam, dass die da vorne 2 Monate jünger war als ich. Kein Wunder, dass dabei Songs wie “Liability” entstehen, die neben ihrer erwachsenen Reflektion auch immer jugendliche Romantik mitschwingen lassen. Während Green Day und Blink sich hinter ihren Hits und ihrer Reputation versteckten lieferten kleinere, jüngere Musiker richtig ab.  Billie Joe Armstrongs peinliche Versuche uns Deutschen Patriotismus und biblische Anarchie einzuhauchen stellte sch ein anderes Buch entgegen. Bilderbuch spielte den österreichischen Kumpel, der genauso wie wir bemerkt, wie bekloppt das Leben eigentlich geworden ist und Sinnbefreitheit in Musik verpackt, die einen Sinn schafft. Ein bisschen wie der Versuch ein Bilderbuch zwischen den Zeilen zu lesen. Wo Bilderbuch die innere Zerrissenheit unserer selbstbemitleidenden Generation auf ironische Weise zerreißt, flicken Alt-J sie danach in beklemmender Weise wieder zusammen und starren sie verträumt an. Das macht doch froh, einer dieser Idioten zu sein, keine kaltblütige Maschine. Dann sind Musik, Festivals, Alben und jedes Genre der Versuch sich zu verstehen.

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Festival im Namen, aber nicht unbedingt im Geiste hieß es dann beim Global Citizen. Morgens saßen wir beim ersten Frühstücksbier schon mit der Befürchtung vor der Nintendo 64, dass der Hinweg sich beschwerlicher herausstellen könnte, als erhofft. Wenn die Weltordnung in Hamburg zusammentrifft, tritt die Straßenverkehrsordnung außer Kraft. Mit ner Stunde Verspätung und einer Pinkelpause im Backwarenladen schafften wir es nach relativ weit in die Schlange vor der gut bewachten Arena. Um 17:00 schon leicht verkatert vom frühen Vortrinken brutzelten wir lange in der Sonne, ehe wir die Halle betreten durften.

Xylotobands am Arm betraten wir dann das unfassbar kommerzielle Festival für den guten Zweck. Bereits nach einer halben Stunde traute ich mich nicht mehr mitzuzählen, wie oft die Künstler und Moderatoren sich bei uns für unser beispielloses Engagament bedankt hatten. Zu sehr schämte man sich dafür, dass man doch eigentlich nur ein paar Tweets absenden musste, um die Karten zu gewinnen. Pausen die eigentlich dafür gedacht waren, Mini-Dokus, Politikern und Experten zu lauschen, wurden von der Mehrheit regelmäßig als Rauch-, Toiletten-, und Bierpausen genutzt, obwohl wirklich interessante, kontroverse und beeindruckende Personen da waren. Trudeau, Macri, Scholz und Gabriel vertraten die Politiker, Lovato, Mbarek, Fitz und Schöneberger die Popstars und zu viele Leute, deren Namen ich mir nicht merken konnte, die wirklichen Aktivisten.

Die musikalischen Beiträge hingegen, besonders der von Coldplay, fanden sehr viel Anklang beim Publikum. Obwohl ich ein großer Coldplay-Skeptiker war und bin und schnell genervt gegen ihre aktuelle Power-Pop Schiene argumentiere, gefielen mir einige Lieder und besonders der Effekt der Xylotobands besonders. Der satte Orangeton, der bei den Balladen die Feuerzeuge und besonders die Smartphones ersetzen sollte beruhigte die Massen und bei A Sky Full of Stars wirklich ein Sternenmeer im Publikum bewundern zu können, hat schon was. Pharrel Williams brachte Stimmung mit, Andreas Bourani, Sido und Lena leider nur einen Song. Herbert Grönemeyer setzte dem Abschluss eine schiefe Krone auf, hätten er und Coldplay Slots getauscht wäre in der Halle vielleicht noch mehr los und die Stimmung losgelöster gewesen, aber das verdutzte Gesicht von Chris Martin, wenn der ganze Rest der Halle “Mensch” mitsingt, ist selbst für ein kostenloses Konzert unbezahlbar. Um beim Festival für den guten Zweck aber keine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu erzeugen, sollte sich Ticketmaster Gedanken darüber machen, welche Platzkarten verkauft werden sollten und wie die Kennzeichnung ablaufen soll. Was müssen sich die Vips erst gedacht haben, als ihnen von Barbara Schöneberger für ihr Engagement gedankt wurde, silbernes Bändchen als Eintrittskarte fürs Buffet am Arm: “Schatz, haben wir für irgendwas gespendet, oder worüber redet die Schöneberger?”

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