Festival-Sommer #4 – A Summer´s Tale

Kaum zu glauben, aber in dieser Festival-Season durfte ich nach dem Global Citizen sogar noch ein zweites Festival Ticket gewinnen. An einem sonnigen Tag am Elbstrand begrüßte uns ein halbnackter Mann mit Flyern für das Festival. Ich hatte kein Buch dabei und konnte so genau so gut mal den Flyer zu Ende lesen. Und was liest man da am Ende? “Schreibe uns eine E-Mail mit “Ich möchte gewinnen” und du hast die Chance Tickets für das gesamte Wochenende zu gewinnen!”

Da dachte ich mir, dass in unserem digitalen Zeitalter doch bestimmt jeder viel zu fly ist um einen Flyer bis zum Ende zu lesen. Nach einigen Wochen, als die kurze Begegnung am Strand schon wieder aus meinen Gedanken verdrängt worden war, erhielt ich eine Mail. Die Annahme hatte sich als richtig erwiesen! Also direkt die nächste Lehre aus der Festival-Season gezogen. “Eine Mail zum Gewinn, du sagst Nein? Du könntest vielleicht der einzige sein!” Vielleicht sollte ich lieber mal lernen, solche Sprüche nicht mehr in meinem Blog zu bringen. Was solls.

Mitfahrgelegenheit organisiert machte ich mich also auf den Weg zu diesem Festival, auf dem ich erschrocken feststellen musste, dass ich mich zwar im Altersdurchschnitt befand, das aber nur, weil 20 ziemlich genau zwischen 5 und 35 liegt. Ungewohnte Atmosphäre für so ein Fest, es wirkte alles eher wie Nordseeurlaub als Musik-Festival. Einerseits irritierend, andererseits einladend, einfach mal zu entspannen. Dass man von andauernden Festival-Besuchen, gepaart mit langen Sessions am Computer, in denen man irgendwie versucht den riesigen Berg der drei Hausarbeiten, die vor einem liegen, mit einer Spielzeugschaufel aus dem Weg zu räumen, auch ziemlich geschafft werden konnte, hatte ich nicht geahnt, und unterschätzt. Im Gras liegend und “Cigarettes after Sex”, “The Common Linnets”, “Thomas Dybdahl” und “Dan Croll” lauschend, merkte ich dann aber, dass es definitiv möglich ist, vom Alltag derart beansprucht zu werden, dass auch kleine Ausflüge nur noch mit Gedanken an versäumte Arbeitszeiten einhergehen. Einfach Augen zu, in der Sonne liegen, Kaffee trinken, Falafel essen, nicht reden, beruhigen.

Besonders zog es mich am Donnerstagabend dann zu “PJ Harvey” und später den “Pixies”, die auch die ältere Zielgruppe des Festivals erklärten. Mother John Misty könnte man PJ Harvey auch nennen, so wie sie politische Themen und persönlichen Struggle in komplexe Stücke verpackt, mit Tenor und Alt Saxophon, Mehrstimmigkeit. Und dann doch total modern und unverbraucht.

Tausende Köpfe, die von vorne beschienen und von hinten betrachtet alle gleich aussehen, alle einen kleinen Heiligenschein tragen. Für manche ist da vorne, tanzend zu “Gouge Away” ein Traum in Erfüllung gegangen. Andere hatten einfach nur wunde Füße. Und das war der Gedanke, der mir, seitlich auf diese Truppe herabschauend, durch den Kopf gegangen ist. Da unten machen so viele Leute grad genau das selbe. Sie wippen zu alten Songs, die Generationen geprägt haben, die Kurt Cobain inspiriert haben und jeder erlebt etwas anderes. Einer ist vielleicht mit der Band groß geworden, hat sie früher im Wohnzimmer schon bei seinen Eltern gehört und sich gefragt, was das für Musik ist. Ein anderer kennt vielleicht nur “Where is my mind” und freut sich auf den Moment, in dem er endlich bei diesem einen Track zu erkennen geben kann, dass er sich ebenso sehr freut, wie der erstere. Pixies wissen das, und inszenieren sich selbst wie kaum eine andere Band, die ich je gesehen habe. “Where is my mind” wird abrupt abgebrochen, um auch den letzten Träumer aus seinen Gedanken zu reißen: “Du sollst dir diesen Moment nicht einprägen, wir sind doch noch hier!” Mit einer Ruhe und Entspanntheit brüllen sie ins Mikro, verschwinden im Nebel, der passend zu “Into the White” von der Bühne bis ins Publikum rollt und zelebrieren den Moment, in dem sie selbst die Bühne verlassen. Wie eine Illusion. Orangene Lichtfetzen, die sich pulsierend ihren Weg durch die riesige Wolke bahnen, könnten auch von einer riesigen Explosion stammen und lassen den Zuschauer vor der Bühne liegen. Ein Abriss.

‘Too old to die young’, etwas schmunzeln musste ich schon bei dem Familienvater, der mit Bier und Kind an der Hand das Festivalgelände unsicher machte. An das Alter der Zuschauer angepasst war auch die Show von Element of Crime. Nach ungefähr jedem Song gab es eine kurze Erinnerung daran, wie die Band nochmal hieß und aus welchem vergangenen Jahrzehnt der nächste Song stammen würde. Ich kann nicht behaupten, dass ich viele der Songs überhaupt auch nur annähernd erkannt hätte, aber Texte wie ‘Der Dunst steigt aus dem Gullideckel, genauso wie im Film, und du musst gehn’ haben doch einen gewissen Charme. Bauernhof-Romantik? Schützenfestival? ‘Ganz egal woran ich grade denke, am Ende denk ich immer nur an dich.’ hat mir, ich Musikbanause, dann noch aufgezeigt, dass Kraftklubs einziges Liebeslied doch nicht rein ihrer kreativen Ader entwachsen ist. Aber Karlmarxstadt hat bestimmt auch den ein oder anderen Gullideckel, der zum romantischen flanieren und darüber Songs schreiben einläd.

Aber resettet nochmal alles, was ich bisher geschrieben hab. Über alte Bands, Gänsehaut und Ironie, vergesst nochmal alles, weil der Samstagabend alles in den Schatten des Mondes stellte, der einem Vollmond zum verwechseln ähnlich sah.

Feist. Hätte ich ihr neuestes Album ‘Pleasure’ nicht gehört, hätte es mich vielleicht gar nicht zu ihrem Auftritt gezogen. Zum Glück hab ich das Album aber gehört und jetzt das Privileg gehabt, dieses Album live zu erleben. Feist war vielleicht mal eine zierliche kanadische Folk-Sängerin, jetzt ist sie Rockstar, Popdiva, Shapeshifter, alles in einem. ‘Pleasure’ und ‘Century’ brachten die Menge euphorisiert zum schwanken und ‘I wish I didnt miss you’ und ‘any party’ die Masse zum weinen und zum lieben. Wie eine Freundin, eine ziemlich talentierte, die einem ihre neuen Songs vorspielt, kam es vor. Keine Star-Allüren, die braucht man auch nicht, wenn man solche Songs raushaut.

Der Mond erfüllte den Hintergrund der Bühne als ich trauernd die Bühne verfrüht verlassen musste, um den letzten Bus zu bekommen. Ein Blick noch auf mein Handy, um ein schönes Foto von der Situation zu machen und da sehe ich die SMS meiner Mitfahrgelegenheit. Ich pass doch noch ins Auto, ich darf Feist doch noch zu Ende hören.

A Summers Tale.

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