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IMG_5171.JPGAls ich neulich so in der U-Bahn saß und nichtsahnend einen Blick aus dem Fenster warf, wohlwissend, dass mich dort nur eine Wand und vielleicht die Aufschrift “Lübecker Straße” erwarten würde, ertappte ich eine Frau im pinken Sommerkleid dabei, mich mit Hilfe von Nirvana-Zitaten dazu zu bewegen, in einem Online-Warenhaus für Mode einzukaufen. Verrückt, oder?

Eigentlich wollte ich nur dem peinlichen Blick meines Gegenübers ausweichen und nachdenklich an die ferne Mauer starren, aber was ich bekam war Werbung. Was bei bewusster Beobachtung dann schon wieder gar nicht so überraschend ist, spielt Werbung doch in beinahe jedem Lebensbereich eine riesige Rolle für uns. Wir können uns kaum unterhalten lassen, im Fernsehen oder Internet, ohne in ebenso großer Quantität mit Wünschen gefüttert zu werden, die wir eigentlich gar nicht haben, aber zu brauchen scheinen.IMG_5173.JPG

Was ist Werbung eigentlich? Sie informiert uns im besten Fall über Dinge, die wir benötigen. Schon komisch, wenn man darüber nachdenkt. Als würden wir vergessen, was wir eigentlich brauchen. An das letzte Mal, dass ich bei einer Werbung wirklich einen Aha-Moment hatte, mir klar wurde, dass ich etwas vermisst hatte, kann ich mich nicht mehr erinnern. Vielleicht damals, als die neuen Pokemon-Editionen im TV beworben wurden, aber sonst?

Und dann, gerade ausgestiegen aus der U-Bahn und von dem erschreckenden Bild dieser Frau befreit, die “Come as You Are” als Aufforderung zur Auslebung des eigenen Mode-Stils versteht, entdecke ich das nächste beeindruckende Monument unserer scheinbar erfolgreichen und irritierenden Kultur der Bewerbung etlicher Gegenstände. Dünne, rechteckige Glasvitrinen, die sich unauffällig neben den Getränkeautomaten stellen und vorgeben, ebenso wie der Wasserspender etwas gutes für uns zu tun. Da wechselt sich alle 5 Sekunden das Produkt, dass uns als nächstes verkauft werden soll, mit dem vorhergehenden ab. Grad noch eine riesige Lindt-Kugel, die in einer authentischen Chocolaterie gegossen wird, jetzt die neue Milchschnitte, die noch viel besser ist als die alte Milchschnitte, weil die Verpackung jetzt grün ist und jetzt das neue iPhone auf einem Plakat, dass so auch in einer Kunstausstellung begeisterungsfähiger Hipster auftauchen könnte. Dass die Chocolaterie mit der Fabrik, in der die Kugeln produziert werden, ebenso wenig zu tun hat, wie ein Donald Trump mit der Wahrheit, und dass ein Telefon niemandem zum nächsten Andy Warhol transformiert, interessiert niemandem. Wie selbstverständlich erbauen wir kleine Basilisken, die uns nicht die Ruhe gönnen, die wir bräuchten um herauszufinden, was wir wirklich brauchen.

Wir haben also für Werbung einen wirklich großen Platz in unserem Leben gemacht, einen festen Bestandteil unserer Existenz darauf begründet, dass Marken ihren Namen an Orte setzen können, an denen sonst nichts an sie erinnert und nichts mit ihnen zusammenhängt. Der Grund dafür ist genauso grundlegend wie erschreckend, wir haben der Werbung nicht nur einen Platz in unserem Leben genehmigt, sondern in unserem Herzen.

Zwei zentrale Strategien spielen bei diesem Versuch unsere Gefühlswelt zu korrumpieren eine besonders große Rolle. Einerseits das Gebrauchen von Symbolen, Storys und Idolen, die in uns sowieso schon Gefühle auslösen, andererseits der Versuch eine positive Assoziation so stark an ein Produkt oder eine Marke zu koppeln, dass beide fast unzertrennbar miteinander verschmelzen und ihre Binärität benahe unkenntlich gemacht wird. Wenn Che Guevaras unverkennbare Silhouette eine Weltmarke bewirbt, welche er vermutlich eher zu zerschlagen versucht hätte, und herzzerreißende Geschichten über Liebe, Verlust und Glück uns dazu bewegen sollen, die längste Praline der Welt oder gar Bier zu kaufen, dann steht die Frage im Raum: Was ist eigentlich los mit uns? Die Frage steht im Raum, aber jeder geht ihr aus dem Weg, wie ein ungebetener Gast auf einer Party, der beeindruckt das Buffet anstarrt, die vielen tanzenden Leute, die flirtenden Paare und die weinenden Singles und sich keinen Reim darauf machen kann, wie das alles hier so wichtig sein kann für die vielen Leute. Die Frage geht im Wald spazieren, wo es garantiert nicht mit einem weiteren Reiz konfrontiert wird, sie macht es sich mit einem Buch gemütlich, in welchem zwei Farben ausreichen, um eine Geschichte zu erzählen, die einzig und allein den Sinn hat etwas für mich in mir zu erreichen. Nicht tausende Farben und bewegte Bilde,r die das Ziel verfolgen in mir etwas für andere auszulösen.

Und dann steige ich aus dem U-Bahn-Schacht, dem Licht entgegen, das sämtliche Werbung, die in meinen Augenwinkeln noch darauf wartet mich zu einem Konsumenten zu machen, unkenntlich macht. An meinen Füßen bewegen sich drei Streifen genau so schnell wie ich, in meiner Hose liegt ein angebissener Apfel, in dem die Karte einer blauen Blase steckt, an meinem Arm eine echt hässliche Uhr mit ein paar Buchstaben drauf und vor meinen Augen eine Brille, die sogar einen Namen bekommen hat. Und ich denke, dass ich das nicht möchte. Diese ganzen Banner überall, Dinge die nur mit dem Sinn gebaut werden, mich dazu zu bringen etwas anderes zu wollen, als mich selbst kennenzulernen. Aber bin ich dann nicht auch nichts anderes, als ein Feuerwehrmann, dessen Beruf es ist, Bücher zu verbrennen?

 

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