Jake Bugg – Hearts that Strain

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Ein Topfschnitt auf dem Kopf und grade einmal 2 Jahre älter als ich. 4 Alben in den Charts platziert und mit jedem dieser vier Alben ein neues Genre betreten. Nach dem ersten war er ein Superstar, nach dem zweiten etabliert und nach dem dritten dachte man schon fast, der Junge wäre im Alter von 21 Jahren ausgebrannt. Funk und Melancholie wechselten sich ab, wie zwei Geschwister, die ungleicher kaum sein konnten. Aber trotzdem war beides in dem jungen Briten herangewachsen, der unerwartet und ohne viel Publicity Anfang September sein 4. Studio Album “Hearts that Strain” veröffentlichte.

Was erwartet man, wenn man auf dem Titel einer solchen LP einen erschöpften Jungen sieht, in dessen Herz sich eine weite Straße erstreckt? Schlechte Photoshop-Kenntnisse auf der einen Seite, auf der anderen, der musikalischen, aber eher ein Album voller “On my One”s. Ein durch die Wüste pilgernder, zweifelnder und suchender Gitarrist ohne Ziel und Heimat. Überraschenderweise erwartet einen am Anfang des Albums dann zwar ein ähnlich akustisches Ambiente, etwas Country-Lastiger als “On my One”, aber keine verzweifelte Stimmung, eher John Mayer-esque Gitarren und eine Leichtigkeit, die man nicht nur auf keinem der vorherigen Alben heraushören konnte, sondern auch besonders nach dem Dritten Studioalbum nicht erwartete. Da scheint ein junger Mann durch die Wüste zu wandern, aber nicht mit existenziellen Lasten auf den Schultern, sondern einer Mundharmonika in der Hand und Zeit, alles zu verarbeiten.

Dass diese Leichtigkeit nicht ausschließt, dass er immer noch unter den Lasten eines zu jungen Superstars zu leiden hat, zeigen Songs wie “In the Event of my Demise” und “The Man on Stage”, die stark an die Beatles erinnern. Tragisch und erwachsener, als man es von manchen gereifteren Künstlern gewohnt ist erzählt Jake Bugg die Geschichte von sich selbst, einem Künstler der immer noch versucht aus dem Schatten seines eigenen Debuts zu treten. Von der Welle des Erfolgs entwurzelt porträtiert sich Jake Bugg selbst als ziellosen Pilger der sein eigenes Herz und alle, die ihm Nahe kommen auf eine Zerreißprobe stellt.

“He took your heart with his heart
And ran and left
The man on stage is not the same
Man you’ve met
To the next town up ahead”

“Hearts that Strain” erzählt uns genau von diesen Herzen, die nicht zerreißen aber aufs Höchste belastet werden. Musikalisch unspektakuklär und mit einer gewissen Mystery-Western Atmosphäre sollen gestreckte Akkorde, ein Gong, der zum letzten Gericht klingen könnte, und repetitive Rhythmen und Lyrics dafür sorgen, dem Zuhörer selbst das Gefühl zu geben, irgendwas fehle. Eine Erwartungshaltung, die grade in ihrer Spannung das Herz des Zuhörers belasten soll, zieht sich durch das ganze Stück, das dem Album seinen Titel gab.

Einen Schockmoment gibt es in dem sehr ruhigen Album dann doch. Bei “Waiting” dachte ich doch tatsächlich, Jake Bugg hätte Miley Cyrus dazu überreden können, zu ihren Country-Wurzeln zurückzukehren. Dass es dann doch ihre kleine Schwester mit einer erschreckend ähnlichen Stimme ist, ändert nichts daran, dass “Waiting” ein Liebeslied ist, dass zwar absolut aus dieser Zeit fällt, aber trotzdem wunderschön die gefasste Dramatik eines Abschieds auf unbestimmte Zeit auffängt. Ohne Erklärung aber ohne Kompromisse wird ein Gefühl erzählt, dass trotz Schmerz und Trennung über das eigene Verständnis hinausgeht und nicht nur schlecht ist.

“I’ll be waiting
For I cannot explain
Even if I try
When you’re leaving
I’ll be waiting
For I cannot refuse you
I’ve tried”

Nach einem kurzen Abstecher in die RocknRoll-Ecke der Country-Musik schließt Jake Bugg das Album ebenso ernst ab, wie man es vom schwarz-weißen Cover erwartete. Eine Liebesgeschichte, eine Beziehung wird in einem Song beschrieben, der sich immer wieder versucht, wie eine Power-Ballade aufzubäumen, aber schließlich an der tragischen Stimme Jake Buggs und absteigenden Piano-Einlagen wieder zurück auf den Boden gezerrt wird. Glaubt man Jake Bugg auf diesem Album, so befindet er sich in einer scheinbar ausweglosen Situation, in der er sich selbst viel zu alt für sein Alter fühlt. Tragik erfüllt nicht nur seine Karriere sondern auch seine persönlichen Beziehungen, in welchen er sich genau so zurückzieht, resigniert dem Verlorenen Auf Wiedersehen sagt und dabei nicht nach vorn schaut.

“I’m starting to say same things to you every day
But that’s alright ’cause you’re not listening anyway
‘Cause what we’ve lost can never be found
It’s not all right this time, don’t think we’ll work it out”

Ein Abschluss für das Album, der erklärt, warum Jake Bugg sich musikalisch immer weiter von dem von Noel Gallagher geförderten Wunderjungen aus England entfernt. Vielleicht die Leiden eines Solokünstlers, der keine Freunde hat, die in seiner Band den frühen Erfolg und alles was dazu gehört teilen und eine Sinnkrise verhindern. Wer auf Tragik steht, wird auch dieses Album mögen, am tragischsten ist aber, dass Jake Bugg vergessen zu haben scheint, wie jung er noch ist und wie viel Zeit ihm noch bleibt, die Erwartungen zu erfüllen, die damals an einen 17-jährigen gestellt wurden.

 

Hört euch an:

Waiting – für ein Country-Duett aus einer anderen Zeit

The Man on Stage – für eine musikalisch reduzierte Hymne, die im Abspann einer Tragödie laufen könnte, an dessen Ende der Held stirbt

In the Event of my Demise – für den geliebten Mix aus frühem Brit-Pop ala Beatles und Country, den man eigentlich mit Jake Bugg assoziiert

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