Morrissey – Konzert

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Geschichten von Konzerten, die ein Leben verändern, hört man oft. Zu oft werden diese Geschichten voreilig glorifiziert, nur um davon erzählen zu können. Zu oft war es nicht das Konzert, sondern die Leute, die dabei waren, oder der Alkohol, den man dort getrunken hat. Aber auf diesem einen Konzert hatte ich keine Freunde dabei, es hätte sich auch kaum jemand finden lassen, der sich diesen alten Mann mit mir angeschaut hätte, und auch der Alkohol spielte an diesem Tag nur eine Nebenrolle, in Form eines 0,5 Becher in meiner Hand. Morrissey, den Sänger der Smiths, die ich eine Zeit lang viel, eine Zeit lang wohl zu viel gehört hatte, kam nach Deutschland. Natürlich kaufte ich mir eine Karte, besuchte meinen Vater und den Tempodrom.

An einem angenehmen spätsommerlichen Abend schlenderte ich also der Halle entgegen, von welcher ich nur schonmal gehört hatte, weil dort einmal die Yugioh Weltmeisterschaft stattgefunden hatte. Wie ein gezacktes Zelt aus Eis tat sich die Halle dann vor mir auf, wie ich mich in eine Schlange einordnete, in der nur mein Outfit hineinpasste. Schwarz auf Schwarz waren fast alle gekleidet, hier und da eine Jeansjacke und noch hierer und darer graue Strähnen und Bärte von Menschen, die Morrissey bestimmt nicht zum ersten mal sahen. Warum ich so früh da war, obwohl ich ein Sitzplatzticket gekauft hatte, weiß ich heute gar nicht mehr. Vermutlich konnte ich kaum einschätzen wie voll es werden sollte und wie lange ich durch unsere Hauptstadt reisen müsste, um an meinem Ziel anzukommen.

Worüber ich ununterbrochen nachdachte, während ich meinen Sitzplatz neben einem vapenden und grün-bemantelten Herren, aufsuchte, war ein Praktikum, dass ich erst einige Tage davor begonnen hatte. 4 Wochen sollte ich in Bonn verbringen, um danach nach 2 Wochen direkt ins Studium aufzubrechen. Gleichzeitig hatte ich mich verliebt und eine Entscheidung hinausgezögert, die ich irgendwann treffen musste. Das Praktikum zu unterbrechen, um wenigstens noch den Sommer voll ausnutzen zu können schwebte mir im Hinterkopf herum, während ich so da saß, an meinem Bier nippte und immer mal wieder einen Blick gen Bühne wagte, mich fragend, um wie viele Minuten sich der Auftritt von Morrissey heute verspäten würde.

Und ganz ohne, dass ich danach fragen musste, beantwortete Morrissey mir alle Fragen, die ich mir an dem Abend gestellt hatte, allein dadurch, dass er da war und für mich sang. Eine Stimme, die mich durch so viele Hochs und Tiefs begleitet hatte in echt, live erleben zu dürfen sorgte für so viel Wärme in meinem Herzen, dass es mir in einigen Momenten schwer fiel, nicht einfach breit zu lachen. Eine Stimme, die nicht unbedingt zum Singen gemacht ist, ehr zum rezitieren, zum Stöhnen und Klagen, peitschte von Wand zu Wand. Hinter mir tanzten einige weibliche Fans, während mein vapender Zeitgenosse weiter vapte und sich gebückt auf sein Knie lehnte. Ganz vorne stürmten Fans die Bühne, um ihre Messias-Figur einmal berühren zu können und im hinteren Bereich der Stehplätze schienen einige Leut eihren ganz eigenen Trip zu haben.

Das Bier lehrte sich genauso wie mein Kopf, der plötzlich alles nicht mehr so eng sah. Alles wurde leichter, Gedanken nahmen an Masse ab und lösten sich ab. Ich konnte an Personen denken und fühlen, was ich wirklich über sie fühlte. Jeder durfte das, jeder durfte tun und lassen, was er wollte, während allesamt den gleichen Musikern lauschten. Eine andere Atmosphäre als auf Konzerten, die ich bis dahin genießen konnte. Kein Gröhlen der Songtexte, kein Moshen, aber am wichtigsten, kein Drang, das zu tun, was der neben mir auch tat. “Evereyday is like Sunday” und “Suedehead” waren Hymnen für mich, die trotz gealtertem Superstar und gesichtsloser Band dazu führten, dass ich am Ende des Konzertes, als ich von meinem Sitzplatz aufstand und bemerkte, dass der bemantwelte Sitznachbar humpelte, eine Entscheidung getroffen hatte. Das Praktikum würde ich abbrechen und noch 4 Wochen in meiner Heimat verbringen, mit der Person, die mir damals am meisten bedeutete. Ohne zu zögern griff ich kaum aus der Halle nach meinem Handy, wählte ihre Nummer um ihr von der Entscheidung zu erzählen, nur um festzustellen, dass ich kein Netz hatte. Was solls, die Entscheidung war getroffen. Und auch wenn ich zu gern denke, dass eine Entscheidung nur endgültig ist, wenn man sie auch mit jemandem geteilt hat, der einen dafür zur Verantwortung ziehen kann, wusste ich in dem Moment, dass es eine unumkehrbare Entscheidung war, die ich in keiner Sekunde bereuen würde.

Ich schlenderte denselben Weg zurück, den ich vorher aufgebracht und nervös begangen hatte, und freute mich. Freute mich auf den Sommer, von dem ich wusste, dass es einer der schönsten werden sollte und stieg in die U-Bahn, immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen. Und das ist meine Geschichte von einem Konzert, das keinen unerheblichen EInfluss auf mein Leben gehabt hat. Wenn ich bestimmen könnte, was man aus dieser Geschichte mitnehmen soll, dann, dass Musik einem beibringen kann, nur auf sein Herz zu hören und Entscheidungen das Gewicht zu nehmen, dass man ihnen gern beimisst. Eine Magie hatte an dem Abend dafür gesorgt, dass ich mich für die Liebe und gegen die Vernunft entschied und auch, wenn ich einen solchen Sommer mit dieser Person nicht noch einmal erleben werde, bereue ich kein bisschen, an diesem Abend auf mein Herz gehört zu haben.

Vielleicht hab ichs auch einfach im Nachhinein glorifiziert.

Bild:

Just kidding! Morrissey now says he’s playing Riot Fest

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