Cro – tru

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“Bye Bye”, “Einmal um die Welt”, alles Titel die bei mir eher eine genervte Stimmung auslösten. Primitive Texte, die von Frauen handeln und Geld, Erfolg und Oberflächlichkeit. Das ganze gepaart mit zwar eingängigen, aber relativ einfallslosen Samples, die zwar kommerziellen Erfolg garantierten, aber nicht unbedingt dazu einluden, ein ganzes Album am Stück zu hören.

Warum gibt es diesen Artikel dann überhaupt? Naja, auch wenn sich die Sache mit den oberflächlichen Lyrics nur teilweise geändert hat und einige Songs immer noch dem Markt statt der Person zu dienen scheinen, ist das dritte Studio-Album von Cro, “tru”, auf ganz anderen Ebenen für deutsche Verhältnisse erstaunlich modern, ambitioniert und reflektiv.

Als erstes merkte ich das an einem meiner Lieblingsorte auf der ganzen Welt. Wohin man schaut, nur grün, Fontänen, die nie versiechen, und in der Hand ein Kehrpaket mit frischem Fisch. Ich saß also bei Subway und hörte aus dem Radio, das unter der Decke regelmäßig Beat-Drops auf den Besucher regnen lässt, das Lied “Unendlichkeit”. Ungewohnt energetisch nahm ich diese deutsche Stimme wahr, die ich noch nie vorher gehört hatte. So dachte ich, bis Cro, bürgerlich Carlo Waibel, anfing zu rappen. Wieder über Fame, Frauen, Erfolg, aber ambitionierter als man es gewohnt war von dem Wohlfühl-Rapper, den man sich zu gern in einem Sofa hängend vorstellte, während er seine Träume rezitierte. Ganz anders, mit dem Finger gen Himmel gestreckt, präsentiert Cro sich in diesem Song. Besonders im Outro wirkte die verzerrte Stimme, umgeben von atmosphärischen Beats und Synths, wie die Stimme eines Künstlers, dem es nicht mehr genügt, nur von besonders kleinen Menschen gemocht zu werden.

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, ich Cro sogar beim Deichbrand live erlebte, erschien endlich das neue Album. Der Auftritt, der lediglich 3 der neuen Songs beinhaltete war nicht enttäuschend, eben weil die Erwartungen gering waren. Die alten Songs kannte ich, Cro wirkte auf seinem Schwebebett wieder wie der Feelgood-Rapper, dem es leicht fällt die Massen zu begeistern. Schwebend über der Bühne hätte ich von ihm erwartet, jetzt den Sprung aus dem Musikvideo zu Unendlichkeit zu mimen, das wäre für mich ein Zeichen gewesen, dass dort wirklich jemand neues auf der Bühne steht. Das Bett landete allerdings friedlich, enttäuscht war nur Friedrich.

Vom Album nicht. Bereits im zweiten Track “Forrest Gump (feat. Patrice) spürt man die internationalen Ambitionen, die Cro neuerdings andeutet. Schwitzige Beats, die an “Jungle” erinnern, gepaart mit Vocals von Patrice, die etwas an Young Thug erinnern, lassen das ganze dicht und durchdacht wirken. Lyrics, die die Geschichte eines jungen Rappers erzählen, der so schnell aufstieg, dass er erst einmal lernen muss mit der Aussicht umzugehen.

“Unglaublich, ausm V6 wurd’ ‘n Raumschiff
Und ein Kinderzimmer zu ‘ner dicken Villa mit ‘ner übertrieben sicken Aussicht
Langer Run, ich komme an
Bin Forrest Gump, bin Forrest Gump”

Protz und Prahlen spielen zwar immer noch die Hauptrolle, Bescheidenheit und Dankbarkeit sind dafür aber zu mehr als unbezahlten Statisten herangewachsen. Existenzielle Fragen, die über dem Materiellen schweben, wie Cro es seiner Ansicht nach über der Masse deutscher Rapper tut, deuten sich unter Anderem in “fkngrt” und “Baum” an. Auch grade “fkngrt” ist es, das deutlich die Inspirationen aus der amerikanischen Szene erkennen lässt. Gospel Einlagen und ein Flow, wie wir ihn von Chance The Rapper kennen paaren sich mir Synth-Einlagen und Melodien, die Kanye West höchstpersönlich nicht unähnlich sind. Trotz neuer Maske wirken die Party-Lyrics, die auch hier dominieren nicht mehr aufgesetzt, was einerseits an der musikalischen Weiterentwicklung liegen mag, andererseits aber auch am Perspektivwechsel, den Cro durchgemacht hat.

Um auch jungen Trends zu gefallen drehen “tru” und “computiful” Autotune auf und machen aus Cro einen traplastigen Rapper, der von “Clique” und “Tinder” singt. Wo “Tru” catchy ist, kommt “computiful” eher wie ein Trip durch virtuelle Identitäten und Beziehungen rüber. Lange Synth-Solos, die nur kaum von verzerrten Vocals unterbrochen werden, bringen eine abstrakte und angespannte Ruhe, in ein Album, das sonst eher von Euphorie und ausufernder Selbstüberschätzung lebt.

“Slow Down” und “Hi” überzeugen auf unterschiedliche Art mit souliger Atmosphäre, sowohl instrumental als auch stimmlich und ebnen den Weg für den letzten Song “2kx”, der abschließt mit allem, was das sehr lange Album angedeutet hat. Irgendwann kommt Cro an, wo und wann, das weiß er nicht genau. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich selbst wie versprochen “tru” bleibt, während seine Musik nicht auf dem “tru”-Level stehen bleibt. Aber wenn man die exponentielle Steigung anschaut, die Cro über die letzten Jahre durchgemacht hat, scheint Pessimismus unangebracht, solange er es schafft die teils noch etwas inhaltslosen und primitiven Phrasen in einigen Songs an die musikalische Entwicklung anzupassen.

Ohne Diskussion kann man behaupten, dass mit diesem Album der größte Rivale für Casper als moderner deutscher, radiotauglicher und gleichzeitig visionärer Rapper geboren wurde. Dennoch würde ich mich nicht an die Entfernung heranwagen, die man beim Vergleich der beiden Neuwerke überbrücken müsste, beide haben sich verabschiedet, nur in unterschiedliche Richtungen.

Hört euch an:

Unendlichkeit (Video Edit) – für atmosphärische Einführung in Cros neue Selbstwahrnehmung

fkngrt – für amerikanischen Einfluss, der eine Fusion aus altbekannter Lockerheit und neuen Einflüssen präsentiert

tokyo13317 – für soften Future-House kombiniert mit “Einmal um die Welt”, für jetzt ok, für die Zukunft zu wenig

computiful – für eine moderne Liebesgeschichte mit modernem aber etwas überladenem Aufbau

baum – für Wandel durch die Genres und Existenz-Krise

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