post colonialism

Die Zeiten der Kolonialisierung sind vorbei. Gott sei dank möchte jedenfalls keiner unserer Staatschefs mit voller Kraft voraus auf fremde Kontinente prallen und Kulturen absorbieren. In der Schule lernten wir von der Zeit nach der Kolonialisierung, in der die vielen Kulturen, die sich unter westlicher Unterdrückung weiterentwickelt haben, sich möglichst restaurierten und befreiten von den Einflüssen, die aus dem Nichts kamen und ein brachliegendes Land hinterließen. Post Colonialism hieß es da. Und aus einem dummen Wortspiel, das mir betrunken bei Rock am Ring einfiel, entwickelte sich eine Idee des modernen Kolonialismus. Nicht der Masterplan, wie ein Land sich nun wieder fremde Gebiete einverleiben könnte, sondern etwas subtileres, der tatsächliche Post-Colonialism. Posts, Likes, Shares – Colonialism. Die Untergrabung, Abänderung und Beeinflussung de Kultur durch die sozialen Netzwerke.

Wo Kolumbus und Co ihre Entdeckungen und Eroberungen noch mit einer in den Boden gerammten Flagge und mit fremden Gewürzen in ihren beladenen Schiff beweisen und rechtfertigen mussten, genügt heute ein Instagram-Post. Ein Instagram-Post als endgültiger Beweis für die Nachwelt dafür, wirklich da gewesen zu sein. Dass die Haltbarkeit dieser Dokumentation und Kolonialisierung digitaler Hashtag-Kontinente fragwürdig ist, scheint nebensächlich, und unvorstellbar. Und das, obwohl ich bestimmt nicht der einzige bin, der sämtlichen schueler.cc-Content verloren hat.

Ähnlich wie Kolonien bemisst sich die Relevanz und Wahrhaftigkeit von sozialen Netzwerken auf dem Grad, in welchem sie noch wegzudenken sind, oder eben als gegeben, unveränderlich und fundamental erscheinen. Beme war der zum scheitern verurteilte Versuch der Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts, noch ein Stück von Afrika abzubekommen. Snapchat könnte sich bald wie die DDR völlig auflösen, wen Instagram die Mauern noch weiter einreißt, mit dem Backup ihrer Kolonialmacht Facebook, 23 Millionen tägliche Nutzer allein in Deutschland.

Bewusst rammen wir also die Instagram-Fahne überall in den Boden, im Vertrauen darauf, dass sie die Großmacht ist und bleiben wird. Und warum sollte sie auch nicht bleiben? Es sind schließlich nicht die Alten, sondern die Jungen, die diese Kolonialisierung antreiben. die noch jüngeren die damit aufwachsen und die noch nicht mal geborenen, die es nicht anders kennen werden. Wie viele Amerikaner setzen sich heute noch mit ihrer Entstehungsgeschichte wirklich und differenziert auseinander? Wie viele Menschen werden sich in 50 Jahren kritisch mit der Anfangszeit der sozialen Medien auseinandersetzen, die Zeit davor und danach vergleichen? Who knows.

Man mag denken, dass doch wenigstens die Zeit vorbei ist, in denen diese vollgelandenen Schiffe neue Ware über Schiffs-“straßen” transportierten und so die heimische Wirtschaft beeinflussten. Die Sponsoren amerikanischer Supermodels auf Instagram machen aber genau das. Ein geschicktes Placement samt Hashtag und ein Produkt wird zum Wunsch ferner Völker. Hier entsteht die Nachfrage noch bevor die Schiffe ihre exotische Ware überhaupt aufladen. Und wenn Nachfrage nach etwas entsteht, das es an einem Ort noch nicht gibt, dann schafft es den Weg über den Ozean auch ohne Schiff. Ein Fidget-Spinner dreht sich schneller als ein alter goldener Kompass und auch wenn alle Zutaten eines grünen Smoothies auch in unseren Gärten wachsen könnten, welcher Gärtner hat das Gütesiegel #detox?

Wäre das nicht schon genug, machen wir uns auch noch mehr Gedanken über den Wahlkampf der Usa als über unseren eigenen, weil der Post-Colonialism uns vorgaukelt, wir wären mittendrin. Verrückt. Posts von Donald Trump haben uns alle in ihren Bann gezogen, wie es früher in Indien vielleicht ein Pamphlet der britischen Königin getan hat.

Aber ein ganz entscheidendes Gefühl ist anders. Anders als im wirklichen Post-Colonialism, in dem Kulturen unter Lasten zerbrechen, unter wirklicher Gewalt und fremden Strukturen. Der Post-Colonialism heute funktioniert komplett ohne Gewalt. Wir werden nicht von Instagram mit der Messerspitze im Rücken dazu gezwungen, Teil der globalen Kolonie zu werden, Trump kann uns zwar erreichen, aber nicht manipulieren, weil er nie die einzige Stimme sein wird, die wir hören und solang es sinnbefreite Trends gibt, die Leute reich machen, die nichts anderes tun als vor einer Flasche zu posieren, wird es auch Leute geben, die darauf aufmerksam machen. Die nicht versuchen werden, Instagram zu verteufeln, sozialen Netzwerken zu verbieten, alle Länder zu verbinden, sondern die grenzenlosen Möglichkeiten aufzudecken, die sich hinter dieser Kolonialisierung verbergen. Leute, die relativieren und ohne Anspruch auf die richtige Meinung daran arbeiten werden, mögliche Umgangsweisen mit dieser neuen Welt aufzuzeigen, die Philosophen der Neuzeit. Die einfach nur Fragen stellen, für die es keiner Antwort bedarf, um einen Einfluss zu haben.

In der Schule hätte ich darüber in Sozialwissenschaften eine Powerpoint-Präsi zusammengezimmert. Jetzt schreibe ich nur diesen kleinen Eintrag und freue mich über das Wortspiel im Titel. Dieser Artikel bietet die Möglichkeit einer Referenz zu eine früheren Blog von mir, “Einfallsreichtum ertränken“, denn der Titel dieses Blogs und der Fakt, dass daraus tatsächlich etwas entstanden ist, so klein es auch sein mag, beweist, dass es sich lohnt, jede noch so kleine Idee aufzunehmen und zu Ende, jedenfalls weiterzudenken. Und dabei immer eine Frage aufrechtzuerhalten, die nicht beantwortet wird. Was geben uns unsere neuen Kolonialherren, und was nehmen sie uns?

Bild-Quellen:

https://pixabay.com/p-1581266/?no_redirect

https://www.google.de/search?q=british+india&rlz=1C1MDND_de&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjYo6Tq6JfXAhWDiRoKHcoJBK4Q_AUICygC&biw=1924&bih=913#imgrc=di06Gz6Vzl69_M:

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