New Politics – New Politics

Beim Hören des neuen Lieds “Color Green” aus dem mittlerweile vierten Studio-Album der 3 Jungs aus Dänemark und Amerika, “Lost in Translation”, fällt es einem schwer, zu verstehen, warum überhaupt irgendeine Faszination ausgehen kann von diesem Trio, das sich optimistisch “New Politics” nennt. Belanglos, poppig, eingängig, aber unaufregend und nichtssagend kommt die neue Platte daher.

You’ll have to let him go
Tears don’t last long, no
I’m here to let you know
I still love you with all of my feelings
So much I can’t count the ways now
I’d die for you a million times

Genau diese Phrasendrescherei gibt aber auch Anlass dazu, einen Blick auf die Anfänge dieser Band zu werfen, genauer, auf das erste Album. 2010 veröffentlicht und nach der Band selbst “New Politics” benannt wartet dieser Tonträger nämlich mit weitaus interessanteren und auch gehaltvolleren Tracks auf, als man es von einer band erwartet, die sich in ihren Liedern mittlerweile auf langweilige Beats mit der CIA vergleicht. “In my house I break the law, I’m like the cia”.

“Yeah Yeah Yeah”, der Opener des Debut-Albums schlägt direkt ganz andere Töne an. Aus der Perspektive eines irritierten Bürgers, der die Euphorie einer sich selbst zerstörenden Gesellschaft beobachtet und mit einem Intro, das an “Blur” erinnert provozieren die New Politics, und sind insbesondere überhaupt noch politisch. Gesangseinlagen, die zwischen Rap und Rock hin und her wechseln, wie ein taktloses Pendel, erinnern aber nicht nur an den Brit-Rock der 90er Jahre, auch “Rage against the Machine”-Einflüsse sind erkennbar, wenn Sänger David Boyd seine Ansage an die Menschheit wie durch ein Megafon herausposaunt. Ein tragender Bass hievt das Tempo des Songs noch auf ein ganz neues Level, ohne, dass dabei die Eingängigkeit des Lieds verloren geht. Während der Refrain zum schmerzverzerrten Mitgröhlen anregt, schmerzt hinhören überhaupt nicht, die Texte durchdacht, abwechslungsreich und ironisch

So kids don’t listen to your parents
The parents can’t teach us
All they ever left was a world in a mess

Das klingt viel mehr nach einer Band, die ihrem Namen gerecht werden möchte. Auch in “Dignity” schlagen die neuen politischen Töne an, die heute, sieben Jahre später in der Popmusik fehlen. Dieser etwas langsamere Track, welcher so auch auf dem Soundtrack eines frühen Tony-Hawk Titels hätte auftauchen können, ist eine, sich aufbäumende Kriegserklärung gegen des Konservatismus der Elterngeneration. Unreife Revolutionsromantik mag man den Dreien da vorwerfen, ein Vorwurf, den sie wahrscheinlich nicht mal abweisen würden. “Love is a Drug”, “My Love”, “Die For You” und “Give me Hope” zeigen nämlich, dass das Selbstverständnis imer noch das einer Teenie-band ist. Songs über Sommerliebe wechseln sich ab mit dem letzten Kampf für Gerechtigkeit, doch auch hier kann man nur sagen, dass genau dieser Aspekt heute viel zu oft fehlt. Sorglose oder übermäßig besorgte Lieder über die Liebe und wilde Partys tauchen an jeder Ecke auf, schenkt man der musikalischen Welt jedoch Aufmerksamkeit, so schaffen es höchstens noch ein paar Punk-Bands annähernd an ein solches Weltbild heranzukommen.

Ist also vielleicht ein gesellschaftlicher Umschwung selbst daran Schuld, dass New Politics zu einer der Bands geworden sind, mit denen ich ihr erstes Album hier vergleiche? Unmöglich erscheint es nicht, dass sich der jugendliche Idealismus aus der Pop-Musik verabschiedet hat, den Platz frei gemacht hat für provokante, aber unpolitische Provokation in Sozialen Medien, öffentlichen Auftritten, und asozialem verhalten gekoppelt mit Feel-Good-Musik.

There’s a war in front of me
We’re all crying out for peace

A depression at it’s peak
And they’re the ones who lead?

New Politics brechen nicht damit ab, auf ironische Art und Weise und mit scheinbar destruktiven Absichten auf Themen einzugehen, die eine fast schon daran zweifeln lassen können, dass dieser Song von 2010 ist. “Nuclear War” zeichnet ein Bild, dass 2017 aktuell wie nie erscheint, auch musikalisch mit ruhigen Einlagen und wahnhaften Strophen die innere Zerrissenheit des Individuums in solchen Zeiten  darstellt und zu überzeugen weiß. Unverständnis darüber, warum diejenigen, die den Krieg scheinbar als einzige endgültige Lösung sehen, ein Volk anführen dürfen und Fragen danach, wer hier eigentlich der Feind sein soll zeigten 2010 schon auf, in was für eine beunruhigende Richtung sich die Menschheit auf ihrem Weg zum Frieden begeben hat. Leicht zu triggern und ohne Kompromisse ist sowohl das Bild, dass die New Politics hier von unserer Spezies zeichnen, als auch die Musik dieser Band, die sich in mehreren Genres zu Hause fühlt, aber schon lange nicht mehr zuhause bleiben möchte.

“Piece of Shit” und “Rape” sind Wörter, die in politischer Musik selten auftauchen, heute höchstens in misogynistischen Hip-Hop-Texten. So wirken die entsprechenden Zeilen auch irgendwie wie Fremdkörper in der Musik, Störer, die aber gleichzeitig auch produktiv zu provozieren wissen. “Burn” ist ein einziger Schrei nach Zerstörung und Neuanfang, lässt sich musikalisch irgendwo zwischen frühem Punk, Grunge und Rock a la “Rage against the Machine” einordnen und ist in diesem Kontext für jemanden, der nur die neue Musik der Band gehört hat ungefähr so überraschend, wie wenn Nick Jonas bei den Jonas Brothers plötzlich angefangen hätte zu screamen.

Ungezügelte Wut und ein ungezügelter Sound paaren sich, um sich von jeglicher Anspannung zu befreien. Dass New Politics nicht aus diesen Ruinen leben sondern auch darauf aufbauen dürften die vorangegangene Songs ja schon zu genüge gezeigt haben.Trotzdem sei insbesondere “New Generation”, der Closer des Albums noch zu erwähnen. Mit einem Sound, der eher an die West-Coast versetzt, eine Mischung aus “Weezer”, “30 Seconds to Mars” und “Muse”, setzt die Band ihr finales Statement. Der Song wirkt gefasster und weniger impulsiv, aber ebenso eindrucksvoll. Der Text setzt sich mit den Erfahrungen unterschiedlichster Individuen auseinander und fordert am Ende nur eins.

We Are the new generationg
Oh oh
We have to rebuid the nation
Finally finally
We get what we deserve

Eine neue Generation junger Pop-Rock Bands. Genau das war es, was New Politics 2010 mit ihrem Debut ankündigten. Und auch wenn diese Mission gescheitert zu sein scheint, die Drei sich mittlerweile viel zu wohl zu fühlen, um die Wut ihres Debuts noch einmal so produktiv einzusetzen, bleibt doch dieses erste Album. Ein erstes Album, dass mutig, ehrlich, intelligent und gleichzeitig naiv und laut einen Wandel in der Politik und der Musik fordert, dass unterschätzt und im Schatten einer weiteren Pop-Band ein unbemerktes Dasein fristen wird, aber dass uns genau zeigt, welche Musik fehlt.

anhören:

Yeah Yeah Yeah – für Rock, der an Rage Against The Machine erinnert

Burn – für provokanten und regelbefreiten Sound

New Generation – für abwechslungsreiche Revolutions-Romantik und Gemeinschaftsgefühl

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