london and lawnmower

London. Ein relativ spontaner Trip in die Stadt ohne Titel, die dreckige Stadt in Europa. Nicht die Stadt der Liebe, nicht die Stadt der Sonne und auch nicht die Stadt der Freiheit. Die Stadt in Europa, die den Unterschied zwischen Vergangenem und Modernem nicht versteht, nicht akzeptiert. Aus einem aufwendig verzierten Brunnen, der im Regents Park nicht erst eine Generation begrüßt hat, plätschert eine neongrüne Flüssigkeit, die einen daran erinnert, dass man sich gerade auf einer öffentlichen Kunstausstellung befindet. Der Eingang in die Underground-Station lässt einen hoffen in Narnia zu landen. Stattdessen wird man in eine Röhre gequetscht, die zu jeder Zeit zu voll und zu eng und zu schnell ist. So ist das eben. London putzt sich nicht heraus, London streckt einem nicht seine Ghettos entgegen, London ist einfach.

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Aber von Vorne. Als mein Freund Davis und Ich an einem sonnigen Mittwochnachmittag in London ankamen, mit dem Zug von Stansted bis zur Liverpool Street Station fuhren, stellte sich schnell die Erkenntnis ein, dass eine Reise nach London doch anders ist als ein Trip in eine deutsche Stadt, mit Nostalgie verbunden, obwohl man erst zwei mal da war. “Tottenham Court Road” und ein Blick auf das Stadion von den Spurs wechselten sich ab mit dem Blick auf die Skyline Londons, die von gleißenden Sonnenstrahlen durch die lückenhafte Wolkendecke beschienen wurde. Dass London die Stadt der Gegensätze ist, stellten wir auch direkt schon fest, als wir den ruhigen Shuttle verließen und einen Bahnhof betraten, in welchem uns Menschenströme umschlossen, die wir nicht gewohnt waren. Mit schlechtem Netz und wenig Ahnung besorgten wir uns eine Oyster Card, nahmen die 8 Richtung Bow Church und stellten fest, dass unsere Wohnung wohl ziemlich zentral liegen musste. An der Shoreditch High Street begrüßten uns hunderte, tausende Hipster, die in ihren kleinen Läden uniformell gekleidet ihre neuen Mode und Accesoire-Label vermarkteten. Riesige Werbebanner mit Musikern, die in Deutschland vielleicht ein DINA01 Poster zugesprochen bekämen, verzierten die Umgebung und verkündeten uns Deutschen, dass hier ein anderer Vibe herrscht.

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Und genau das musste ich am Morgen auch gleich feststellen, als ich 2 Flat Whites aus einem der nächstgelegenen Hipster-Cafes (Holy Shot Coffee, Jonestown Coffee) holte. Jedes zweite Haus erweckte den Anschein, als hätte es schon ein anderes Leben komplett erlebt, nur um jetzt noch einmal mit neu gestrichener Fassade und industriellem Interieur die Getränke wohlhabener Londoner auszutragen. Ein Spaziergang am Morgen, nach einer Woche schon zum Ritual geworden, entwickelte aus Eigendynamik neben dem Erwerb des morgendlichen Kaffees auch einen zweiten Sinn, die Erkundung unseres Viertels. Mitten in Shoreditch und 5 Minuten von der Brick Lane entfernt gelegen, aus welcher an manchen Morgenden schon zu viele Leute herausströmten, als dass ich die Straße einfach hätte ignorieren können. hätte man dort an einem einzigen Morgen einen ganzen Tag verbringen können.

Die Brick Lane allein wäre schon einen Artikel wert. Überteuerte Ketten und Jungdesigner reihen sich hier an Second Hand Läden, abgeranzte Kult-Bagel-Buden, Flohmärkte und Märkte für Kleinkünstler, die unter der Oberfläche kleine Labyrinthe kreieren, aus denen man, ohne etwas gekauft zu haben, kaum herausfindet. Wir entwickelten das Synonym “Rasenmäher” für die Hipster, die uns sonst viel zu oft verstanden hätten, wenn wir uns über sie unterhielten und freuten uns über ein T-Shirt von “Champion” für 25 Pfund, weil wir es später bei Urban Outfitters für 38 Pfund sahen. Ein scheinbares Schnäppchen, an welches man auch nur im kosmopoliten Schein Londons glaubt. In diesem Labyrinth aus Vinyls, Flanell-Hemden und minimalistischer Kunst muss man wohl zwangsweise zum Hipster werden, pardon, “Rasenmäher”.

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So hip London auch ist, seine kulturelle Vergangenheit und Gegenwart kann die Stadt trotzdem nicht verbergen. Nichtsahnend kaufte ich am Sonntagmorgen auf der Bricklane ein Buch von Charles Dickens für 50 Pence, nur um am Nachmittag bei einem der vielen ungeplanten Wanderungen an einem seiner ehemaligen Wohnstätten vorbeizuschlendern. Gerade hat man noch über Sherlock Holmes fiktive Privatwohnung gestaunt, nur um kurz darauf das Haus einer tatsächlich existierenden Legende bewundern zu dürfen.

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Während unserer Wanderungen mussten wir allerdings auch feststellen, dass die Ausmaße Londons nicht annähernd so enorm sind, wie wir es uns vorgestellt hatten. Innerhalb weniger Stunden irrten wir uns den Weg von mehreren Sehenswürdigkeiten wie dem eingepackten Big Ben und der überlaufenen Tower Bridge zurück zu unserer Heimatstation, der Liverpool Street Station.IMG_5606

London bietet alles, man muss nur die Augen öffnen und verstehen, was einem dort grad geboten wird. Und trotzdem entschieden wir uns dafür wenigstens einen kleinen Plan mit in unsere Reisetasche zu packen. Konzert-Tickets für den Electric Ballroom, welcher am Abend zwischen den zahlreichen leuchtenden Clubs kaum zu finden war. “New Found Glory” und “Roam”, feiner Pop-Punk und über 2 Stunden, in denen man zwar kaum einen Text mitsingen kann, dafür aber so viel springt wie noch nie im Leben, mit einigen Blessuren und völlig verschwitzt den laden verlässt und am nächsten Morgen dankbar dafür ist nur die Muskeln und blauen Flecken schmerzen zu spüren, nicht aber den Schädel.

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Viel zu viele andere Dinge, über die man teilweise einen eigenen Eintrag schreiben könnte haben wir auch noch erlebt in dieser einen Woche. Ein Besuch bei der bekannten blauen Tür aus Notting Hill, mehrere Plattenlädenbesuche (flashback, Rough Trade), die teilweise auch von Erfolg gezeichnet wurden, wunderbares Essen (Byron Burger, Five Guys, Chipotle, coq fighter, camden pizza und Tesco-Toast) und Craft-Beer (Brewdog). Fußball und Guinness in einer Eckkneipe (Casa Blue) und fettiger Schmorbraten im Bagel-Shop, ein Post-Office, und viele andere Dinge, die mir aus Sri Lanka bekannt vorkamen und mir noch einmal vor Augen führten, in was für einem ehemaligen Weltreich wir gerade herumstolzierten. Ein Weltreich, das trotz seiner Vergangenheit Integration viel ernster und offener zu gestalten scheint, als wir. Während sich in Deutschland Leute schon daran stören, auf der Straße eine andere Sprache zu hören, hängen in Teilen Londons die Straßenschilder sowohl auf Englisch als auch auf Indisch?/Pakistani? darüber und keiner stört sich daran. Verständigungsschwierigkeiten, wenn ich mich dafür entschuldigen wollte, dass ich an der Kasse so lang das Geld zählen musste und ein verwirrender Befehl einer Waffelverkäuferin. “Turn around and big bite.”

 

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Noch heute grübel ich darüber, was diese junge Frau von mir wollte, hätte sie ein Foto von mir und der Waffel machen wollen? Oder wollte sie mich nur zum Essen animieren? Das wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben, ebenso, wie die Frage danach, ob das seltsame Gefühl der Heimat, welches man nach einer Woche London verspürt, wirklich da, oder auch nur eine Illusion war.

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