Tom James (UK) – Interview

Atmosphärische Sounds mit Beach-Vibes. Der junge Brite redet über das Tourleben, seine Entwicklung und, warum persönliche Musik nicht unpolitisch sein muss.

Ich darf Tom James an einem düsteren Herbsttag in einem Café in Hamburg treffen. Also einem ganz normalen Tag in Hamburg. Der kalte Wind erinnert eher an den Winter und die gesenkten Köpfe der vielen Touristen, die sich trotz alledem in die Stadt verirrt haben senken sich nach unten, aus Angst davor, dem wolkenverhangenen Himmel ins Gesicht zu schauen. Ganz im Kontrast dazu steht die Musik des 25-jährigen Engländers, den ich jetzt treffen soll, und der zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 15 Konzerte seiner „Limbo”-Tour hinter sich hat. Von 30 Shows insgesamt, vielleicht sogar 40, mit dem Abschluss der Tour in London. Ein Leben auf Tour, das zehrt.

Wie ist das Leben auf Tour? Dass wir in Polen und den Niederlanden ziemlich viel getrunken und gefeiert haben hat mich in Polen dann eingeholt. Ich bin krank geworden und musste dann erstmal einen Gang runterschalten.

Musstet ihr deswegen irgendeinen Auftritt absagen? Nein, war nah dran. Aber am Ende dann zum Glück doch nicht, da waren wir echt erleichtert.

Tom erzählt von Pfandflaschen, verrückten Fans und den langen Autofahrten mit seinen Begleitern Brinley Hall und Josh Savage. Ersterer ist nicht nur sein Drummer auf dieser Tour, sondern auch ein langjähriger Freund. Eine Dynamik, die man live spürt, sei es in verschmitzten Blicken oder wortlosen Absprachen zwischen den Songs. Josh Savage begleitet Tom als Support und verkauft eigenen Honig an seinem Merch-Stand, posiert auch in seinem neusten Musikvideo als Bär, der für „Honey” statt „Money” in der Straße musiziert. Gut vorzustellen also, dass dieses humorvolle Trio auch auf der Straße viel zu lachen hat. Nach einigen Lachern fangen wir an, über seine Musik zu reden.

Dein Sound hat sich über die 3 EPs stetig verändert. Du hast angefangen als Singer-Songwriter, so im Stile von Nick Mulvey, mittlerweile, und besonders auf der neuen EP hat deine Musik viel mehr Ebenen. Was hat dich zu dieser Entwicklung bewegt? Klar, also das Zupfen von akustischen Gitarren hat mich langsam gelangweilt, falls das Sinn macht. Es hat sich so angefühlt, als würden alle in der britischen Szene das gleiche machen, diesen Singer-Songwriter Kram, da brauchte ich einfach etwas Abwechslung und fing an viel mit elektrischen Gitarren herumzuprobieren. Mit unterschiedlichen Produzenten und Leuten, die mir einen Perspektivwechsel ermöglichten, fing ich dann an eher Soundwelten zu kreieren.

In einigen deiner neuen Songs, wie „The Heat” und „Fight” fühlt es sich beinahe so an, als würdest du den Hörer mit in die Tiefsee nehmen wollen, statt an den Strand. Mit Gitarren, die wie Wellen und Walgesänge klingen. Genau das wollten wir erreichen! Ich wollte, dass die Musik sehr persönlich rüberkommt. Eine besondere Atmosphäre war definitiv zentraler Aspekt. Zu schauen, was möglich ist. Die Gitarre einfach mal in den Verstärker zu stecken und zu schauen, was dabei raus kommt.

Habt ihr bei den Texten das gleiche versucht? Du spielst mit dieser Dualität von Hass und Liebe, Mut und Frieden, was eine spannende Atmosphäre erschafft. Dein Song “Red” klingt fast wie ein Geständnis.  Ja genau, das ist er auch. In dem Song geht es um Krankheit, die Farbe rot beschreibt das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, und wie man damit umgehen muss. Und es geht auch darum, dass es OK ist sich mal so zu fühlen, Hass in sich zu tragen, weil weißt du, mein Vater hat mal gesagt:„Es ist gut, hungrig zu sein.”.

Das kommt im Text auch vor, oder? Stimmt. „If hunger is your friend, then comfort be your enemy.” Da versuch ich einfach zu erklären, dass es gut ist Hunger zu spüren, denn nur so kann man wachsen.

Diese Entwicklung in deinem Sound, vom Singer-Songwriter zum Erzeuger vom Klangwelten, die sieht man nicht nur bei dir. Viele Musiker versuchen grad aus dieser Box auszubrechen, warum denkst du passiert das? Ich glaube Langeweile ist der wichtigste Grund. Und als Singer-Songwriter kannst du wirklich machen was du willst.  Anders als eine Rockband oder so. Die Leute verfolgen dich eher als Person. Wenn du als Rockband plötzlich anfängst EDM zu machen, dann werden viele deiner Fans sich bestimmt von dir abwenden. Es ist anders mit jemandem, der Solo-Musik macht. Die Leute verlieben sich in den Style deines Sounds und dein Songwriting, in die Reise auf der du dich befindest, nicht in das Genre.

Darauf folgt ein langes Gespräch über Beispiele für dieses Phänomen. Tom nennt Matthew and the Atlas und bringt Justin Vernon ins Gespräch, der ein großes Idol zu sein scheint. Ihm traut er zu, die Musik der nächsten Jahre schon im Kopf zu haben, Vernon müsse nur noch herausfinden, wie er Zugriff zu dieser Musik gewinnen kann. Bewundernd spricht er davon, wie Justin Vernon ganz neue Arten Musik zu machen entwickle, statt einfach nur ein neue Genre zu betreten. Es ist dann nicht Neid, sondern Dankbarkeit, die aus ihm spricht. Dankbarkeit dafür, dass jemand wie Justin Vernon so mutig und offen an seine Musik herangeht und Künstler wie ihn inspiriert. Offenheit und Mut merkt man auch Tom James an, als er gegen Ende des Interviews über einen seiner Songs redet und offenbart, dass auch politische Themen nicht an ihm und seinem kreativen Prozess vorbeigehen.

Wenn jemand deine Musik nicht kennen sollte, welchen Song würdest du ihm vorschlagen? Wahrscheinlich Limbo, weil der Song wirklich was besonderes für mich ist. Der Prozess dahinter und alles was dazu gehört.

 Wie ist der Song denn entstanden? Angefangen hab ich mit dem Song als wir das erste Mal durch Europa getourt sind. Das war am Beginn der Flüchtlingskrise und es gab zu der Zeit einfach eine Menge komischer Dinge, die auf der ganzen Welt ab gingen. Das war so eine Zeit der Besinnung, jeder befand sich im…

Im Limbo. Im Limbo, genau, und du verstehst, was ich damit meine oder?

So einen Schwebezustand, in dem man nicht weiß, was man glauben soll, wem man vertrauen kann? Ja, viele Leute sind grad im Limbo und als ich in Südafrika war traf ich einige Musiker, die das Konzept wirklich gut verstanden. Es hat Spaß gemacht, die Idee mit diesen Künstlern zu teilen und etwas sehr cooles zu schaffen. Etwas sehr natürliches, das hat mir Spaß gemacht. Es gab da nicht mehr diesen Zwang, sich hinsetzen zu müssen, ich muss jetzt dies schreiben, ich muss jetzt das schreiben. Es war einfach ein sehr natürlicher Prozess, keine äußeren Einflüsse, nur eine Geschichte, die ich erzählen wollte.

Sympathisch, ehrlich und zufrieden. Mir bleibt nichts, als mich für das Interview zu bedanken, meinen Kaffee auszutrinken und mich wieder in die Kälte draußen zu wagen. Aber dieses Mal mit Tom James EP „Limbo” auf den Ohren. Nicht mehr ganz so kalt.

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