Ist Brit-Rock tot?

Die Linien von Bass, Gitarre und Drums verschwimmen nicht mehr, manchmal fragt man sich sogar, ob sie sich überhaupt noch berühren. Und der Gesang thront über allem. Ob Ego-Trip des exzentrischen Frontmannes oder Vermarktungsstrategie des gierigen Plattenmoguls, der Thron tut der Musik genauso gut wie der Eiserne seinen Besitzern.

Überproduziert kann man es nennen, als hätte der Perfektionismus einen neuen Klienten gefunden, der bedient werden möchte. An die Stelle des Wunsches, dem Fan ein möglichst authentisches Bild der Band zu geben, die fast perfekte Live-Performance, die im Mittelpunkt der Karriere steht, tritt das Verlangen, den perfekten Song zu produzieren. Ob hier ein Vergleich zu kommunistischen Regimes, die alle die perfekte Gesellschaft anstreben, angebracht ist, darüber kann man sich streiten, aber bei beiden kommt oft nur scheiße raus, die sich auf dem Papier gut anhört und am Ende daran scheitert, dass ein oder zwei Personen zu viel Einfluss auf die ganze Sache.

Beats, die in makelloser Symmetrie aneinandergereiht und übereinander gestapelt werden, der Hamburger Hafen der Musik, stören nicht so sehr, wie konservierte Rockmusik. Rockmusik ist das zu große Schiff, das gar nicht erst in den Hafen einfahren kann und sich an seinen Makeln stärkt. Nur Bands wie Radiohead wagen sich an eine Elbvertiefung heran und erkunden das System der Logistik um es irgendwo auf ihrem riesigen Schiff unterzubringen. Damit wäre etabliert, dass ich hier weder über elektronische, zwangsweise perfektionierte Musik rede, noch über Rock-Bands, die ihr Repertoire um besagten Laderaum erweitert haben. Sondern über die, die in die Fußstapfen von Oasis und Co. treten, genauso roh rüberkommen möchten, ihre Bandfotos in schwarz-weiß aufnehmen, aber trotzdem so klingen, als wären sie im Operationssaal aufgenommen, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt worden.

Unglücklich hier jetzt nur eine Band anzuführen, und dann auch noch eine, die ich sehr gern mag. Aber keine Band bietet sich so sehr für einen Vergleich mit Oasis an wie Catfish and the Bottlemen. Oasis aus der Fischkonserve.

Fangen wir an mit Heathrow von Catfish und Wonderwall von Oasis. Zwei Balladen, vom Tempo her zwar sehr unterschiedlich aber jedenfalls näher als einige andere Songs. Bei Balladen fällt es kaum auf, da hier auch bei Oasis die Stimme im Vordergrund steht. Konkurrenzlos und emotionslastig stöhnt sie heraus, was der Song vermitteln möchte. Sogar ein leichtes Echo ist bei Van McCann, dem Sänger von Catfish herauszuhören. Old-Schoolig. Aber es sind nicht die Balladen, die von diesem Aufbau leben, sondern die poppigen und schnellen Stücke, bei denen die Dominanz der Stimme wirklich auffällt.

Ganz anders wird es dann, wenn man Songs wie Live Forever mit Sidewinder vergleicht. Während bei Oasis sogar die einzelnen Seiten der Gitarre noch spürbar sind wirkt bei Catfish alles seltsam in Watte gehüllt. Die Gitarren und auch die Drums wirken gedämpft und eingespielt, getaktet und nicht natürlich. Im Hintergrund gehen manche Soli sogar komplett hinter der überlauten Stimme unter. Aus Erfahrung kann ich berichten, dass das Live nicht der Fall ist. Watte, die wir vielleicht von My big Mouth kennen, die dort aber nur aus dem Grund verwendet wird, dass der Raum so verdammt voll mit Sound ist, dass sonst alles zerbrechen würde. Und trotzdem überkommt einen beim Hören von My big Mouth das Gefühl, dass es Van gut stehen würde, seine Stimme bei der Aufnahme ein wenig zurückzudrehen, um nicht wie ein Garage-Band Songwriter zu wirken. Catfish versuchen künstliche Brickwalls aufzubauen, vergessen dabei aber den Zement, der sie zum Halten bringt. Oasis bauen Wände aus Sound im Studio, die natürlich klingen und nichts trennen sollen, sie sollen einen erschlagen.

Auch andere Bands wie Royal Blood, Blossoms und Nothing but Thieves tangieren diese minimale Grenze immer wieder. Momente, in denen die Platte nicht annähernd so viel verspricht, wie eigentlich erwartet werden kann. Stellt euch vor, ihr würdet nicht rausgehen, weil das Handy sagt, es regne draußen, obwohl ihr aus dem Fenster nichts als blauen Himmel erkennen könnt. Momente, in denen sich die Stimme soweit von den gestaffelten Riffs und Beats distanziert, dass man den Unterschied zwischen handgemachter Musik und Konservensamples nicht mehr genau erkennen kann. Es fehlt etwas, dass als Dichte bezeichnet werden kann und früher einen höheren Stellenwert hatte als heute.

Es mag daran liegen, dass mir das Shoegaze-Genre sehr lieb ist und auf dichte Songs und wellenartige Bewegungen statt rascher Abbrüche setzt, aber es mag auch daran liegen, dass sich Musiker heute mehr zutrauen aber weniger tun. Ich bin noch zu jung um meine Lieblinsgbands wie The Smiths und Oasis zerbrechen zu sehen, aber es fühlt sich auch nicht danach an. Auch von außen scheinen die Bands wie Konserven, auf die man verzweifelt mit einer Gabel einprügeln kann, ohne sie zu öffnen. Da wäre mir ein vernünftiger Obstteller, der sich langsam gegenseitig mit Schimmel befällt, lieber. Mangel an Authentizität in der Musik, Mangel an Autentizität in der Präsentation und schwindende Hoffnung auf wirklich gute Alben.

Aber man lässt sich immer gen überraschen. Wenn The 1975, Kasabian und Nothing but Thieves neue, vielversprechende Alben veröffentlichten, wird sich mein Blick dieses Mal nicht nur in die Zukunft sondern auch in die Vergangenheit richten. Da wo Musik herkommt, ist sie auch zu Hause. Ebenso spannend ist, wie Liam und Noel sich mit ihren Solo-Alben in das Gefüge des aktuellen Brit Rocks einfügen werde, wohin ihr Blick sich richtet.

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