Liam Gallagher – As you Were

Zu gern ruiniert die nicht einmal musikalisch begründete öffentliche Meinung über einen Künstler auch die Erfahrung des Hörers, der entweder, quasi als Überkorrektur zu viel erwartet, oder eben so wenig, dass er es sich gar nicht erst zumutet seine eigene Meinung durchs Hören zu begründen. Mit diesem Album ging es mir fast genauso, einerseits gefallen mir ein paar der Oasis-Album so sehr, dass es mir kaum möglich erschien, das erste Soloalbum von Liam nicht zu mögen, andererseits war ich skeptisch, wie sich Jahre an kindischen und naiven Wortgefechten mit seinem Bruder in einem Album niederschlagen würden. Meine Erwartung: Ein unreifes und noch jünger erscheinendes Album, als jene von vor fast 20 Jahren, als die beiden sich noch verstanden. Erwartung realisiert? Wohl kaum.

Liam wurde sogar während der Zeit bei Oasis als der “dumme” Gallagher abgestempelt, der Ausnahmesänger, der trotzdem irgendwie kein Künstler ist, wenn Noel Picasso war, sahen die Leute in Liam nur den Pinsel. Eine bekannte Geschichte, über dessen Wahrheitsgehalt ich mal nicht spekulieren möchte, erzählt davon, wie Liam bei seinem Bruder Noel sah, dass er einen Löffel in der Champagnerflasche gehängt hatte. Leicht verdutzt soll er Noel dann nach dem Sinn gefragt haben. “Damit er frisch bleibt.” Die knackige Antwort, die Liam dazu veranlasste, einen Löffel in eine geöffnete Milchtüte zu stecken.

So belanglos wie ein Löffel in der Milchtüte klingt dieses Album auf jeden Fall nicht, auch wenn die Drohungen, die Liam im ersten Song Wall of Glass ausspricht, an niemanden speziell gerichtet zu sein scheinen. Dass diese Drohungen trotzdem nicht leer erscheinen, muss daran liegen, dass Liams Vergangenheit von so vielen verbrannten Brücken gezeichnet ist, dass selbst der kleinste offensive Gedankenstrom nicht teilnahmslos und mit Aussicht beobachtet werden kann. Musikalisch ist das Lied zwar Durchschnitt, aber zum Glück nicht die Art von Durchschnitt, die man bei anderen Solo-Künstlern zu gern sieht, welche sich vorher noch auf ihre Band verlassen konnten.

Auch das zweite Lied erinnert etwas an Oasis, baut ähnliche Rampen auf wie die alte Band und schafft auch den Absprung von diesen Rampen mit ähnlich viel Stil. Die Vergleiche mit Oasis sind einerseits zwar ungerecht, und lesen sich recht hinfällig, da beinahe zwei Dekaden zwischen diesen Alben liegen, andererseits scheint Liams einzigartige auch eine große Rolle in der Stilfindung der Band gespielt zu haben. Kein Wunder also, dass Sound und Wortwahl sich jedenfalls etwas ähneln. Zu Bold lässt sich nur noch sagen, dass Noel Liam vielleicht davon abgeraten hätte, das “Oh Yeah” so einzubauen, wie er es getan hat. “Oh Yeah” steht ihm einfach nicht. Naja, aber wenn es einer durchziehen kann…

Die Feder Noels, oder um etwas neutraler zu bleiben, überhaupt eine begabte Texter-Feder, vermisst man in dem Album, das mit 15 Stücken etwas zu lang geraten ist, in mehr als nur einem Song. Greedy Soul, You Better Run und Come Back To Me bringen mich gleichzeitig zum Tanzen und ins Grübeln über die Kluft zu den Oasis-Texten. Unfair wäre allerdings erstens, die gerade genannten Songs zunichte zu machen, bieten sie doch jedenfalls musikalisch Abwechslung, und zweitens, die Kritik an den Texten auf das gesamte Album auszubreiten. Das Bild der Paper Crown zum Beispiel, Papiere, in welchen geblättert wird, welche verbrannt werden, ist eine wunderschöne Metapher des Ruhms und möglicherweise sogar seiner eigenen Vergangenheit. Seine eigene Vergangenheit, die er in For what its Worth aufzuräumen versucht. “I know in Time we´ll put this behind” und Bilder wie “Crossfire” und “Whispering War” sind kaum anders zu verstehen, als als direkte Ansprache an Noel. Dass Liam eigene Fehler einsieht und sich aus seiner Position als lebende Legende Schwächen eingesteht überrascht die Erwartung und beruhigt die Hoffnung. “The First Bird to fly gets all the arrows”, ein kleiner Seitenhieb auf Noel Gallagher’s High flying Birds darf natürlich trotzdem nicht fehlen.

Das Stück des Albums, das es mir persönlich am meisten angetan hat, ist Chinatown. Das langsames Brit-Rock Stück, das an Glasgow und Heathrow von Catfish and the Bottlemen erinnert, die ja wiederum stark von Oasis inspiriert wurden, der Kreis hat sich also geschlossen, wirkt nicht nur was den Sound angeht, sondern auch inhaltlich höchstaktuell. “Whats a European, I just believe in the sun”, als Seitenhieb auf den Brexit und das Wortspiel mit den Leuten, die nur noch an die Naturgesetze glauben, und dabei Zeitungen lesen, die ihre Aufmerksamkeit eher weg von den Naturgesetzen und hin zu den Gesetzen einer gespaltenen Gesellschaft lenken. (The Sun=Bild in England) Neben politischen Statements gehen die Bilder in diesem Song auch insofern über die Metaphern einer verbrannten Rockstar-Legende hinaus, dass Liam in Zeilen wie “Telephonic Doses” und “forget about beginning” aber auch im Song All My People, all Mankind mit “selfies, what a fucking disease”  sein Bewusstsein als Popstar der Moderne zeigt und Bewegungen in der Gesellschaft kritisiert. Kritik an einer Masse, die sich zu leicht von Dingen die kurz befriedigen ablenken lässt und dabei vergisst, das was wirklich glücklich macht anzufangen. Liam wird erwachsen und treibt das ganze in Universal Gleam, welches fast wie eine Erleuchtung daherkommt auf die Spitze. Ob diese nostalgische Auseinandersetzung mit Gott auf Augenhöhe Selbstüberschätzung oder tatsächlicher spiritueller Fortschritt ist, bleibt dem Hörer selbst überlassen. Aus dieser Halbgott-Perspektive nimmt Liam Positionen ein, die von jedem anderen  geäußert ungesund wirken würden. Nur lebende Legenden können wie er Zyniker sein, ohne zum bemitleidenswerten und hoffnungslosen Pessimisten zu werden.

Liam schließt das Album mit einem Rundumschlag ab. I Never wanna be like You lässt leider vermuten, dass die beiden Brüder wohl doch noch weit entfernt sind, von einem zusammenfinden oder überhaupt einem konstruktiven Gespräch. Vielleicht ist es nur der alte, wichtigtuerische Liam, vielleicht aber auch ein Warnschuss,. dass Versöhnungsangebote nicht nur von einer Seite kommen müssen, um zu fruchten. Überschätzt er seine eigene Authentizität damit? Macht er sich lächerlich? Was passiert, wenn eine Legende, die sämtliche Brücken verbrannt hat, sich selbst überschätzt, lernten wir ja bereits früher. Sie muss schwimmen lernen, im reißenden Strom der Realität. Genau das tut Liam mit diesem hochaktuellen und modernen, aber gleichzeitig nostalgisch reminiszierenden Album, welches jedenfalls mir in Erinnerung bleiben wird, als das Album, das ich am Morgen und am Abend spazierend auf der Brick Lane die ersten Male durchhörte.

anhören:

For What Its Worth – für ein mögliches Friedensangebot an Noel und einen wunderschönen text, den man so nicht von Liam erwartet hätte

Paper Crown – für gute Lyrics und authentische Berichte eines unsterblichen Musikers

Wall of Glass – für eine neue Rock-Party-Hymne, die es mit einigen Oasis-Stücken aufnehmen kann. Vielleicht nicht ganz so originell, aber genau so euphorisierend.

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