Noel Gallagher’s High Flying Birds – Who built the Moon?

Nach dem gelungenen Debut seines kleinen Bruders präsentiert auch Noel Gallagher knapp einen Monat später sein Solo-Album. Dabei handelt es sich nach Chasing Yesterday und dem Self-Titled-Album allerdings nicht um ein Debut, sondern um das vielbeworbene Drittwerk eines der renommiertesten Songschreiber unserer Zeit. All die Sorgen, die die Veröffentlichung eines Solo-Albums Liams begleiteten, erscheinen bei Noel unangebracht, war er doch der Texter hinter den unsterblichen Oasis-Songs, die uns nach 20 Jahren immer noch, und in keiner Weise untot, begeistern. Bei Noel richten sich die Sorgen vielmehr auf den Sound. Während Liam sich dank seiner Stimme darauf verlassen kann mit wenig musikalischer Innovation ein großes Publikum zu begeistern, muss Noel sich erst eine persönliche Reputation aufbauen, einen Sound, der wiedererkennbar ist, sich aber eher noch als der Sound Oasis’ an seinem filigranen Songwriting orientiert.

Bereits im ersten Song Fort Knox konfrontiert Noel den Hörer mit einem schnellen Gitarren-Sound, den man von Kasabian kennt. Energiegeladen, höchstaktuell und ohne Kompromisse beginnt er damit ein Album, das Erwartungen ignorieren, Genres transzendieren und alleinstehend funktionieren möchte. Noel möchte in keine Fußstapfen treten, nichtmal seine eigenen, außer vielleicht, wenn es um das Texten epischer moderner Lyrik geht.

Denn dort macht Noel genau da weiter, wo er vor Jahren entweder aus kreativer Überleerung oder erfolgsbedingter Erschöpfung aufgehört hat. “You can blow my mind, if you´re that way inclined” schlägt er in Holy Mountain Töne an, die dem Gentleman und der Schattengestalt Noel Gallagher gut zu Gesicht stehen. Gepaart mit pompöser Inszenierung samt Bläsern und hallendem Filter über der Stimme ist er als authentischer Frontmann angekommen im Rampenlicht und schlägt daraufhin in It´s a Beautiful World Töne an, die, und entschuldigt an dieser Stelle den eigentlich unangebrachten Vergleich mit Liams Debut, wie All my People, all Mankind gesellschaftskritisch, gar apokalyptisch daherkommen, aber gleichzeitig aus einer so erhabenen Position erzählt werden, dass man kaum anders kann, als dem Interpreten mit Bewunderung und Vertrauen zu begegnen. “Wipe away the tear that only comes with peace” singt er so in dem brütenden, angespannten Song, der seine Spannung auch daraus zieht, nicht genau zu wissen, ob er Ballade oder Hymne sein möchte.

Ein ambivalentes Verhältnis zum “fin du monde” präsentiert Noel auch im ruhigen, akustischen Be Careful What You Wish For, das fast schon strapaziert, triefend vor Schweiß, verwegen daherkommt. “If you´re waiting for the rupture, the day will never come” als Seitenhieb auf Zyniker, die in ihrer gekünstelten Ruhe nur auf das Ende zu warten scheinen und “They´ll let you see their riches, they´ll never tell you what you´re worth” als Anerkennung und Beruhigung jener, die sich hilflos und verloren fühlen.

Dass Oasis niemandem auf diesem Album als erste Assoziation einfallen sollte ist nicht nur dem Fehlen der Stimme Liams zu schulden, sondern auch der noch weiteren Riege an Einflüssen, welcher sich Noel mit diesem Projekt bedient. Er rangiert von den bereits erwähnten fast-paced Kasabian anthems bis zu atmosphärischen Stücken a la Stone Roses, ohne dabei den Faden zu verlieren. Sogar sein eigener Schützling Jake Bugg wäre mit Sicherheit stolz auf If Love is the Law, welches auch auf seiner neuesten Platte Platz gefunden hätte. Dabei lässt er ab von Seitenhieben auf Liam und seine Bestrebungen, die Band wieder zusammen zu führen und sich selbst als den willigen Messias darzustellen. Der Mann, der selbst den Mond baute scheint kein Interesse daran zu haben, noch einmal mit Sterblichen auf einer Bühne zu stehen. Und auch wenn Liam sich selbst kaum für einen solchen halten dürfte, wie beispielsweise Universal Gleam bewies, steht Noel über den Dingen. Keine Kabbeleien oder Zugeständnisse zeichnen dieses Album aus, sondern ein Konzept, eine Geschichte, die getragen wird von Interludes mit der Atmosphäre einer Western-Tragödie, Bilder von heimkehrenden Reitern, dem Sonnenschein und dem Mond in ihrer Zugehörigkeit und ihrer Trennung.

Am Ende bleibt nicht viel mehr zu sagen, als, dass Noel Gallagher’s High Flying Birds uns eine weitere zeitgemäße Rockplatte für dieses Jahr spendiert haben, die im Plattenregal bei mir ihren Platz neben Liam Gallaghers Debut finden wird. Und solange die einzigen Dinge, die diese beiden verbinden, sind, dass sie den gleichen Nachnamen tragen und auf unterschiedliche Arten und Weisen Musik herausbringen, die den Markt und junge Künstler herausfordert, weiterzudenken und Einflüsse neu zu interpretieren. Weder Liam noch Noel haben es von heute an verdient, immerzu als Überreste einer großartigen Band betrachtet zu werden, denn zwei ebenso großartige Alben haben uns ermöglicht, den nächsten Alben der beiden mit weniger vorbelasteter Skepsis zu begegnen, sondern stattdessen so, wie wir jedem anderen Künstler auch begegnen würden. Messen wir sie an ihren Zeitgenossen und nicht ihrer eigenen Fußstapfen, die sie im tiefen Sumpf britischer Rockmusik hinterlassen haben. Also Gallaghers, willkommen im Brit-Rock der 10’er Jahre.

anhören:

Fort Knox – für Disco-Rock, der antreibt und nach den frühen Kasabian klingt

It´s a beautiful World –  für aufbauende Gesellschaftskritik, modernen Sound und die gesanglich spannendste Leistung auf diesem Album.

If Love is The Law – für eine Ballade, die am Ende fast jeden romantischen Films Platz finden würde. Aber nur solange dort ein Held im Spiel war.

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