Jeff Buckleys Erbe – Stimme und Spieler

Es kommt immer wieder vor, dass man einen neuen Künstler hört, sich genau in diesem einen Moment sicher ist, die Stimme schon einmal gehört zu haben, die Melodik, oder die Struktur des Songs. Seltener kommt es vor, dass man bei vier Künstlern die gleiche Assoziation hat und immer wieder bei dem gleichen einen Sänger landet, welchen man in den Stücken jedes Einzelnen heraushört. Und wenn so etwas dann einmal vorkommt, dann kann man sich sicher sein, dass dieser eine Künstler nicht nur individuelle Inspiration war, sondern Innovationskraft, Schaffer eines Genres. Jeff Buckley, gestorben im Jahre 1997, nur vier Jahre nach seinem Debut-Album Grace, ist ein solcher Künstler. Über die letzten Jahre haben sich junge Singer-Songwriter gefühlt an seinem Grab angestellt, um einen letzte wegweisenden Rat einzuholen und die Kunde seiner Musik hinaus zu tragen, drei von ihnen sogar bis in die Charts.

Dann müssen sich diese vier Reiter doch allesamt genau gleich anhören, oder? Nein, zum Glück nicht, denn jeder durfte sich einen anderen Baustein aussuchen aus dem umfangreichen Repertoire aus 11 Songs, welche offiziell und zu Buckleys Lebzeiten das Licht der Welt erblickten.

Einer nahm die Stimme. Buckley zeichnete sich aus durch eine Stimme, die weder nach oben noch nach unten an ihre Grenzen stoßen konnte, trotzdem in jedem Moment so klang, als würde sie jederzeit zusammenbrechen. Eine gewisse Vibration, die dem exzentrischen Gesang Buckleys ermöglichte, zu jeder Zeit auszubrechen, in Harmonie oder Disharmonie. Der Sänger, dessen Stimme sogar erschreckend ähnlich klingt, wie die Buckleys, ist Tom Odell. Mit Another Love spielte er sich 2013 in die Ohren und die Herzen von Leuten jeglicher musikalischer Vorlieben. Gut aufgehoben schien diese zerbrechliche aber grenzenlos potente Stimme bei diesem Sänger, der von Herzschmerz und Neuanfang sang. Can´t pretend und Grace verschwimmen bei mehrmaligem Hören geradezu ineinander, ersteres natürlich moderner und zeitgemäßer, aber beide ausgezeichnet durch die einmaligen Stimmen Odells und Buckleys und eine große Variabilität an Tempo und Stimmung. Man mag sich fragen inwiefern es noch vernünftig ist, von einmaligen Stimmen zu sprechen, wenn man zwei Stimmen als Beispiel nennt. Den beiden Gewöhnlichkeit vorzuwerfen würde allerdings noch viel falscher klingen. Tom Odell geschah leider mit dem zweiten Album etwas, das, und leider werden wir das nie erfahren, auch Jeff Buckley hätte passieren können. Der Einfluss aktueller Musik schien ihn zu der Ansicht zu bewegen, dass er die Struktur einer Songs modernisieren müsse. Magnetized und Here I Am zum Beispiel leben von Rise und Drop, bekannt aus modernem EDM und sorgen dafür, dass andere Stücke wie Still Getting Used to Being on My Own und besonders Odells Stimme untergehen. Einen würdigen Nachfolger hat Buckley in Odell, jedenfalls was die Stimme angeht, trotzdem gefunden. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser auch weiterhin weiß, seine Stimme angebracht in Szene zu setzen, ohne sich zu verstecken hinter Modernisierungsanläufen, die gerade solche Musik nicht nötig hat.

Das Jahr 2015, und ein Sänger, der uns daran erinnert, wie einfach eine Gitarre ein melancholisches Gefühl in uns heraufbeschwören kann, ohne Trauer zu erzeugen, Ehrfurcht, ja, aber keine Trauer. Corpus Christi Carol beginnt mit einer Gitarre, die genau diesen Effekt bereits im Jahr 1994 erzeugt haben muss. Ein vorsichtig angeschlagene Saite, die losgelöst von Rhythmus und Struktur im Raum schwebt. Mit Rhythmus und Struktur versehen präsentierte James Bay 2015 seine Hit-Singles Let It Go und Hold Back the River. Eine Mischung aus Corpus Chriasti Carol und Grace trifft den Hörer mitten ins Herz und auch wenn James Bays Stimme nicht eine so hohe Ähnlichkeit mit Buckley aufweist wie Odells, lässt sich doch eine Ähnlichkeit feststellen, die weniger auf Stimmfarbe sondern eher auf Technik beruht. Beide Sänger scheinen mit einem wartenden Auge immerzu auf die Musik zu schielen, die sich ganz losgelöst entwickelt und eine Eigendynamik entwickelt. Die Meta-Ebene der Stimme über der Musik sozusagen. Man könnte erwarten, dass eine solche scheinbare Trennung der beiden wichtigsten Elemente eines Liedes dazu führen würde, ein seltsam ungewolltes Produkt hervorzubringen. Ganz im Gegenteil leben die Songs von James Bay jedoch davon immer entweder einen Schritt voraus zu sein oder hinterher zu hängen, ein Spiel mit dem Wandel der Emotionen, das Odell noch mit einer äußerst wandelbaren Stimme als Spielfigur spielte. Wie schon erwähnt lässt sich der einzige, wirklich große Unterschied zwischen Bay und Buckley in der modernen Rhytmik und Struktur der Lieder erkennen, die zwar zum Glück nicht wie Magnetized von Odell einen Schritt in die falsche Richtung gehen, sondern ledliglich klar Refrain und Strophe voneinander trennt. Ein Merkmal, das wichtiger denn je erscheint, um einen Song im Radio zu positionieren. Seit 2015 hat man von James Bay nicht viel gehört, nicht unwahrscheinlich also, dass im nächsten Jahr wieder ein Stück Buckley im Radio auftaucht, ohne dass sein Name auch nur einmal genannt wird.

Das waren sie, die ersten beiden der vier Nachfolger eines Sängers vom Format einer Legende. Die Stimme, Tom Odell, der Spieler, James Bay und zwei weitere, den Prediger und den Dirigenten. Wer das ist? Das findet ihr heraus, im zweiten Teil von Jeff Buckleys Erbe.

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