Jeff Buckleys Erbe – Prediger und Dirigent

Jeff Buckley, Sohn des Sänger Tim Buckley und facettenreicher Sänger der 90er Jahre hinterließ nach seinem Tod viele Scherben, Archetypen, die sich innerhalb der nächsten 20 Jahre wieder zusammensetzen sollten, um eine neue Generation singender Künstler hervorzubringen. Tom Odell und James Bay wurden im letzten Artikel schon eingeweiht in diese Reihe talentierter Hoffnungsträger. Der eine mit der Stimme und der andere dem Spiel mit der Gitarre, in denen der Geist Buckleys mehr als nur schemenhaft zu erkennen war. Zwei fehlen noch. Zuallererst, der Prediger.

Prediger kann leicht missverstanden werden. In keinster Weise soll damit der Vorwurf erhoben werden, Buckley hätte predigend auf untergeordnete Zuhörer hinabgeschaut. Vielmehr schaffte Buckley es, Religion und Glauben zu einem Teil seiner Musik werden zu lassen, ohne sich von der Schwere eines Dogma hinunterziehen zu lassen. Mit Corpus Christi Carol und auch Hallelujah, das er zwar nicht selbst geschrieben, zumindest aber mit neuem Leben versehen hat, betrat Buckley ein Gebiet, dass zu gern umgegangen wird. Das Schreiben einer religiösen Hymne, Das Benutzen der Tiefgründigkeit und Transzendenz eines Glaubens, um eine Atmosphäre zu erzeugen, die irgendwie unheimlich und übermenschlich, aber doch auch bekannt und sehr persönlich ist. Das ganze zieht sich von einer Intonation, die an einen Chor und den betenden Pfarrer erinnert bis zu einem leichten Echo über Stimme und Instrumenten, als hätte man den Song entweder in einer Gruft oder über den Wolken aufgenommen. 2014 schaffte Hozier es, mit Take me To Church und From Eden diese Atmosphäre wiederzubeleben. Verstärkt mit einem gewichtigen Piano und mit dem altbekannten Echo nutz auch Hozier christliche Themen, um ein Liebeslied zu einer Beichte und Selbstfindung zu einem Geständnis zu machen. Wenn man sich Hozier jetzt so anhört, kann man glatt glücklich sein, dass Buckley nicht einen, nachahmenden, Nachfolger gefunden hat, sondern viele, eigenständige, Erben, die sich die Inspiration fair aufgeteilt haben. Sonst müssten wir heute auf die ausdrucksstarke Stimme Hoziers verzichten, die Leid auf eine ganz andere Weise ausdrücken kann, als die Buckleys. Statt sanfter, zerbrechlicher Oktavensprünge steht jetzt ein starker, voller Klang, ein Prediger, der alles dafür getan hat, sein leid zu verhindern, stolz und verzweifelt von diesem Weg berichtet und Emotionen weniger subtil darstellt, als der, auch in Interviews immer sehr ruhig gewesene, Buckley.

Zuletzt, der Dirigent, und der einzige, der Buckley sogar namentlich auf seinem ersten Album erwähnt. Auch der einzige, dessen kommerzieller Erfolg nicht annähernd so groß ist, wie der der 3 Miterben. Jeff Buckleys Grace was plaing loud as hell zitiert Tor Miller im Song Midnight seine Inspiration. Und das ist nicht das einzige, was die beiden verbindet. Auch die ähnliche Farben der Albencover wären nicht Grund genug, Tor Miller hier mit aufzuzählen. Stattdessen liegt der Grund darin, dass beide Künstler wussten und wissen, wie ein Albumkonzept ungezwungen zustande kommen kann. Beide lebten im Gegensatz zu Odell, Bay und Hozier nicht ein einer erfolgreichen Single, sondern einem kohärenten Gesamtprodukt, das eine Geschichte erzählt. Headlights und Crust Punk Queen haben einen Charme, der Miller aus dieser Zeit genau wie Buckley aus seiner herausstechen lässt. 90er, in denen Grunge und Brit-Rock aufkamen und ein radio- und stadionuntauglicher Solo-Künstler so fehl am Platze waren, wie ein Tor Miller in den zweiten 10er, der den Geist vergangener amnerikanischer Dekaden heraufbeschwört. In einem Feld aus EDM und erstarkendem RNB mimt Miller den Gentleman aus einer Welt, in der noch nicht jeder alles wusste und erzählt dabei Geschichten von Abenteuern, die jeder gern erleben würde. 2016 war American English ein Geheimtipp, der es zwar nicht ins Radio oder die internationalen Charts schaffte, aber mit seinen fast soundtrackartigen Qualitäten versprach, in einer Welt aus Sheerans und Mendes doch noch den konzeptiell denkenden Solo-Künstler in ein neues Jahrzehnt zu hieven. Und wer weiß, vielleicht erwartet uns ja in den 20ern eine neue Szene, eine Bewegung der Entschleunigung, die dem Menschen und auch der Musik wieder mehr Zeit gibt.

Jeff Buckley, Stimme, Spieler, Prediger und Dirigent in einer Person ging viel zu früh, und schaffte es doch in seiner kurzen Schaffensphase eine so treibende Kraft zu entwickeln, dass sich seine Idee über zwei Dekaden in die Feder junger Musiker geschlichen hat. Muss man Buckley in einem Atemzug mit anderen Helden der 90er nennen, wie Cobain, den ein ähnliches Schicksal ereilte, oder die Gallagher-Brüder, die auch heute noch in ihrem eigenen Strom treiben, vielleicht versuchen daraus auszubrechen, vielleicht genießen, Status als Qualitätsmerkmal zu haben? Man kann, natürlich, aber ich glaube, dass Buckley ruhige Brillanz und die kreative Eigendynamik seiner Erben keinen Mythos brauchen, sondern lediglich ihr Medium, die Musik.

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