Pretty City (AUS) – Interview

Rock-Musik ist Musik, die die Welt zu einem interessanteren Ort macht.

Pretty City, eine junge australische Rockband aus Melbourne, dem urbanen Siedepunkt kreativer Bewegungen im Land auf der anderen Seite unserer Erdkugel, haben vor kurzem erst ihr Debut-Album Colorize auf den australischen Markt und deutsche Clubs losgelassen. Ohne Kompromisse dringt ihr Genre-Mix in Gefilde vor, die selbst von etablierten Bands ihrer Art noch unerforscht sind. Und genau deshalb fällt es auch so schwer, eine Einleitung zu finden für ein Interview mit einer Band, die sich in Australien zwischen intelligenter Selbstreferenz und bestandsloser Selbsterniedrigung, in der Musik zwischen systematischem Pop-Bombast und Selbstverwirklichung im Rock zurechtfinden muss. In zeitlicher Nähe zu ihrer Deutschland/Österreich-Tour im Spätherbst 2017 durfte ich Drew, dem Drummer der Band, einige Fragen stellen. Am brennendsten die nach dem Namen der Band.

Wie seid ihr auf “Pretty City” gekommen? Ist Melbourne die schöne Stadt? “Pretty City” haben wir uns irgendwie alle zusammen ausgedacht. Im Endeffekt ist es dann der Name geworden, weil wir die Dualität großer Städte ausdrücken wollten. Auf der einen Seite sind sie wunderschön, riesig, imposant, auf der anderen Seite würde man eine Großstadt selten als “pretty” bezeichnen. Für uns sollte dieses Wort also diesen Schleier beschreiben, der das düstere und dreckige Herz einer Stadt versteckt. Und so eines hat Melbourne auf jeden Fall, haha. In Europa haben wir aber einige wirklich schöne Städte sehen dürfen.

Begeistert erzählt Drew weiter von der Magie, die eine Zuschauerschaft ausstrahlt, wenn sie einer Band von der anderen Seite der Welt zujubelt. Einen magischen und zutiefst persönlichen Moment erleben dann sowohl Band als auch Zuschauer mit dem schüchternen Gedanken im Hinterkopf, diesen Menschen sonst in einem geordneten Lebensablauf niemals auch nur begegnen zu können. Und genau so einen Moment erlebten Pretty City im Kino in Ebensee, trotz oder gerade wegen der Kälte, die die Zuschauer vor die Bühne lockte. Das ist die Magie des Rock’n’Roll, von dem viele behaupten er würde aussterben, andere wiederum seit Jahren Reanimationsmaßnahmen einleiten. Pretty City machen Shoegaze, ein Rock-Sub-Genre, das besonders von atmosphärischen verzerrten Gitarren und vielen Ebenen lebt, und haben trotzdem keine Angst vor der Pop-Musik, die arg vorbelastet ist und doch am Ende lebensnotwendig für jedes Genre.

Ihr habt es euch zur Aufgabe gemacht, dem Shoegaze wieder neues Leben einzuhauchen. Kommt das Genre wieder? In Australien kommt das Genre schon gefühlt seit 2011 wieder, vielleicht sogar früher. Wenn ich ehrlich bin, ist es eher schon wieder auf dem Rückzug, der Trend vorbei. Wir borgen uns immer Stücke und Elemente aus allen möglichen Genres und versuchen diese dann in eine Popstruktur zu gießen. Dabei entsteht eine Spannung zwischen den teils sehr unterschiedlichen Einflüssen, die selbst uns häufig überrascht und neu klingt. Hoffentlich auch für den Hörer.

Die klassischen Shoegazer Ride und Slowdive haben beide 2017 ein neues Album herausgebracht. Ich finde, euer Album Colorize platziert sich souverän zwischen den beiden, was den Sound angeht. Was war das Konzept für Colorize? Erst einmal danke. Es ist immer schön mit Bands wie Slowdive und Ride verglichen zu werden. Die beiden Alben haben mir sehr gut gefallen, das ist also schonmal ziemlich cool haha. Ich glaube die Vision für dieses Album zentrierte sich wirklich darauf unterschiedliche Songs zusammenarbeiten zu lassen. Damit Songs wie Running Around, Melt und Ignoring My Friends kohärent zusammenarbeiten können, braucht man eine übergreifende akustische Atmosphäre, einen Vibe, der alles zusammenklebt. Ich denke um es zusammenzufassen, wir wollten Pop-Songs machen und uns dabei der glänzenden, glitzernden und manchmal intensiven Sounds von Shoegaze und Psychedelic-Rock bedienen.

Wie in einer Blase spiele sich das Leben für Drew und die Band auf Tour ab.  Hugh, Johnny, Ken und Drew nehmen in dieser Blase immer ein Stück des australischen Geistes mit, undefinierbar, aber definitiv auch im kalten Europa zu Hause, das die vier auf den Boden zurückholt und den Geist freimacht für kreativen Fortschritt. Nicht unwahrscheinlich, dass einige Erfahrungen dieser Tour auch auf ihrem nächsten Album Platz finden werden. Oder?

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Wie geht’s jetzt weiter? Wird der Sound noch größer? Ja und Nein. Unser nächstes Album wird sich wohl mehr auf Singles fokussieren, wir haben viele sehr unterschiedliche Methoden zur Aufnahme verwendet. Manchmal wird es größer und wütender sein, manchmal aber auch kleiner, ruhiger und melodischer. Ich denke wir haben dieses mal einfach ein Album mit lauter Geschichten gemacht, die uns wichtig sind.

Wir sollten auch über große Pop-Acts wie Sia, Flume und Angus and Julia Stone reden. Und auch über die Electronica-Szene um Nick Murphy und eine florierende Hardcore-Szene. Ist Australien ein kreativer Hotspot für alle Genres? Ja und Nein. Für jeden Song, der die Tiefe und den Inhalt von Sia hat, gibt es einen Song über Bierpartys in den Kellern irgendeines vorstädtischen Alptraums. Was das angeht, ist Australien geteilt. Ein kreativer Hotspot auf jeden Fall, in dem wir uns gern austoben, die Gegenseite ist aber ziemlich dummer Scheiß. Aber wahrscheinlich ist das überall so.

Zum Abschluss fragte ich ihn noch nach australischen Künstlern, die man im Blick behalten sollte. Ohne zu zögern nennt Drew 3 Acts, denen man anmerkt, dass sie im Dunstkreis von Pretty City gut aufgehoben sind. Destrends, mit einem Sound, der Rock’n’Roll mit den Talking Heads vermählt, Ruby Jones und Eliza & The Delusionals, einer poppigeren Variation des sowieso schon mitreißenden Sounds der Australier, dazu noch einer einzigartigen Stimme. Während er diesen Künstlern Erfolg prophezeit, ihnen jedenfalls zutraut, über die Insel hinaus für Aufsehen zu sorgen, sind seine Wünsche für die Zukunft bescheiden. Der Wunsch, weiterhin die Welt bereisen zu können, sich selbst zu verwirklichen in einer Kunst, die einer großen Feier näherkommt als einer einsamen, traurigen und stagnierenden Welt, stehen ganz oben auf einer Liste, die ungeschrieben ist und bleiben wird. Denn eins merkt man Drew an, egal was auf seine Gruppe aus Freunden und Musikern zukommen mag, der Rock-Musik wird er nicht abschwören. So ist es kein Wunder, dass er beinahe irritiert wirkt, als ich ihn nach der Zukunft des Rocks frage.

Die Mittel, mit denen wir uns ausdrücken verändern sich immer wieder etwas, aber am Ende des Tages, ist es Musik, die wichtige Dinge einfach und deutlich ausdrückt. Rock-Musik ist Musik, die die Welt zu einem interessanteren Ort macht. Ich glaube, das ist die tragende Säule der Rock-Musik und ich glaube, das wird auch so bleiben.

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